„Er hat eine Bombe!“, rief einer der Gäste, die an der Rezeption des Pariser HotelsAvelaine standen.
Audrey hielt sich nur ein paar Schritte entfernt im Foyer auf, ein Kind auf dem Arm. Es war höchstens drei Jahre alt. Ein Junge! Sie hatte keine Ahnung, wie sie zu dem Kind gekommen war. Dennoch beschlich sie das Gefühl, es schon lange zu kennen. „Dad?“, rief sie und sah sich um. „Wo bist du?“
Sie musste ihren Vater da rausholen, bevor es zu spät war. Die Zeit wurde knapp. Das Adrenalin schoss durch ihre Adern. Sie hatte ihn vor wenigen Minuten ins Hotel gehen sehen. Er war hier irgendwo, davon war sie felsenfest überzeugt.
Der seltsame graubärtige Mann an der Rezeption wiederholte, diesmal eindringlicher: „Er hat eine Bombe!“ Sein Gesicht verzerrte sich, machte die Angst, die in ihm wühlte, sichtbar.
Die Augen des Kindes fixierten sie. Sie waren so hellblau wie die ihres Vaters.
„Ich glaube an ein Leben danach. Ich glaube daran, dass wir wiedergeboren werden“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Dads aus der Erinnerung. Da wusste sie, dass sie ihn nicht würde retten können. Dass sie das, was passiert war, nicht ungeschehen machen konnte. Dennoch versuchte sie es wieder, wie schon in zig Träumen zuvor. Sie presste das Kind an sich und rannte los. Ein junger Mann versperrte ihr den Weg. Sein Gesicht war konturlos, eine einzige dunkle Maske. „Es wird nicht wehtun, es geht schnell. Versprochen. Das weiß auch dein Vater.“
Was redete er da? „Nein, warten Sie. Sagen Sie mir, warum. Warum?“, rief Audrey.
„Schicksal. Man kann ihm nicht entrinnen“, antwortete der Mann und zog an etwas, das er unter seinem Mantel trug.
Audrey schloss die Augen. Sekunden später hörte sie einen dumpfen Knall, spürte Hitze um sich. Sie verband sich mit einem ungeheuren Druck, der ihren Körper zu zerreißen drohte.
In dem Moment wachte sie auf. Schweißnass und nach Luft ringend. Tränen rannen über ihre Wangen. Ihr Blick irrte durchs Zimmer, das nur von Sonnenstrahlen, die durch die Schlitze der Jalousien fielen, erhellt wurde. „Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen, Dad“, murmelte sie.
Sie war die einzige Tochter von Monty Richards. Sein Sonnenschein, wie er sie oft genannt hatte. Vor rund drei Jahren war er bei einem Terroranschlag in Paris ums Leben gekommen, in der Lobby des Hotels, in dem er für einige Tage eingecheckt hatte. Die Drahtzieher des Anschlags hatten flüchten können und blieben verschwunden, genau wie die Leiche ihres Vaters. Alles, was man Tage später von ihm gefunden hatte, waren einige Zähne, anhand derer man ihn identifiziert hatte. Audrey dachte an seine letzten Worte, die für sie im Nachhinein wie eine Vorahnung klangen.
„Pass gut auf deine Mutter auf, Audrey. Ich liebe euch. Egal, was passieren wird, das wird sich niemals ändern.“ Danach hatte er sie auf die Stirn geküsst, sie fest an sich gedrückt und seiner Frau gewunken, die, von einer Sommergrippe ans Haus gefesselt, am Fenster ihres Schlafzimmers gestanden und ihm eine Kusshand zugeworfen hatte.
Audrey legte den Strauß roter Rosen auf das leere Grab des Südfriedhofs am Rand von Fayes, Indiana und betrachtete das Foto mittig in dem hellgrauen Marmorgrabstein, von dem ihr Vater ihr mit seinem sanftmütigen Lächeln entgegenblickte. Die damalige Reise nach Paris hatte Recherchezwecken für seinen neuen Roman gedient. Wie er Audrey verraten hatte, hatte es ein Politthriller werden sollen. Zu gern hätte Audrey ihn begleitet. Doch sie hatte ihm versprechen müssen, sich um Lauren, ihre Mutter, zu kümmern. Der Gedanke, dass sie seinen Tod hätte voraussehen oder gar verhindern können, quälte Audrey täglich seit dieser Tragödie, bei der fünf weitere Menschen ihr Leben hatten lassen müssen.
„Ich hab dich lieb, Dad“, flüsterte Audrey und wünschte sich, er könnte ihr antworten. Milder Sommerwind spielte mit ihrem glatten blonden Haar, das ihr glänzend über die zierlichen Schultern fiel.
„Entschuldigung, sind Sie nicht …? Ja, Sie sind es. Monty Richards’ Tochter“, hörte sie plötzlich eine helle Stimme hinter sich und drehte sich abrupt um. Eine Frau mittleren Alters stand vor ihr und lächelte sie unsicher an. Der Wind blies ihr die braunen Locken in das volle, von der Wärme leicht gerötete