VERSÖHNUNG: GOTTES INITIATIVE ZUM HEIL DER WELT
Horst Afflerbach
Selten wurde das Wort „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, das Shakespeare seinen Hamlet sagen lässt, so oft zitiert wie in unseren Tagen. Es ist relevant wie nie.
Warum Versöhnung?
Wie kann man so etwas überhaupt fragen? Jeder weiß und hat es mehr oder weniger schmerzhaft selbst erlebt, dass Missverständnisse und Fehlverhalten von Menschen zu Enttäuschungen und Rückzug oder gar zum Bruch von Beziehungen führen können. Übergriffiges Verhalten, das Verletzen individueller Grenzen können Wut und Hass, Depression und Krankheit nach sich ziehen. Ausgrenzungen oder Diskriminierungen von Menschen bewirken Leid oder Aggression. Empörungsverhalten, Polarisierungen, Hatespeech scheinen gesellschaftliche Charakteristika unserer Zeit zu werden und führen zu mancherlei Verwerfungen. Wir alle sind Zeugen dieses Verhaltens in unserer Welt. Und wir stimmen darin überein, dass das Motto des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau „Versöhnen statt Spalten“ eine notwendige Tugend ist.
Christen wissen aufgrund des biblischen Zeugnisses, dass die ursprünglich sehr gute Schöpfung, die wunderbare Schöpfungsgemeinschaft und der umfassende Friede (hebr.schalom) nachhaltig gestört wurden. Durch die Emanzipation des Menschen von Gott sowie das Misstrauen ihm und seinem Wort gegenüber („Sollte Gott gesagt haben?“) entstand eine Situation, die gekennzeichnet war von einer Entfremdung von Gott, von sich selbst und voneinander. Die Fluch-Struktur der Sünde betraf forthin alle Bereiche kreatürlichen Lebens. Die Mühsal deiner Schwangerschaft und Schmerzen der Geburt sowie das Verlangen nach dem eigenen Mann (Gen 3,16) kann man als Synonyme für die schmerzhafte Bedrohung und die Fragilität des Lebens sowie für den ewigen Kampf der Geschlechter verstehen. Der Fluch des Erdbodens – „Dornen und Disteln“ wird der Acker tragen, das Essen des Brotes „im Schweiße deines Angesichts“ (Gen 3,17–19; LU) – sind eindrückliche Metaphern für angefochtene und harte, teils vergebliche Arbeit. Und schließlich zeigt die unumkehrbare Perspektive, zurückzukehren zum Staub des Erdbodens, mit der Begründung „denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19; LU) die Vergänglichkeit allen Lebens.
Diese Beschreibung gilt bis heute, weil „Gott der HERR“ den Menschen „aus dem Garten“ wies und „ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim […] zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens“ (Gen 3,22).
In der Folge bestätigt das biblische Zeugnis die tragische Geschichte der Menschheit und später Israels. Neben schönen Entwicklungen und beeindruckenden Taten wird mit zum Teil drastischen Worten und in anschaulichen Bildern das ganze Spektrum menschlichen Fehlverhaltens samt seiner destruktiven Auswirkungen auf alle Lebensbereiche beschrieben. Vom Brudermord Kains über familiäre Verwerfungen, Intrigen und Lügen, aggressivem und boshaftem Handeln – ob individuell, sozial oder in imperialen militärischen Bewegungen der Völker – werden die Auswirkungen der Abkehr von Gott, dem Ursprung des Lebens und des Friedens in allen Facetten dargelegt. So ist die ganze Völkerwelt betroffen (Kriege, Unterwerfungen), die Schöpfungs- oder Umwelt (Jes 24,1–6), die soziale Welt (Ungerechtigkeiten, Korruption) und die persönli