Ein wichtiger Begriff in der Reisepsychologie ist das Begehren, denn dieses verleiht dem menschlichen Wesen Bewegung und Richtung zugleich – es weckt die Hingabe an etwas.
Olga Tokarczuk: Unrast
Wie es ist, neben dir wach zu werden
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von ästhetischen Empfindungen. Mein Geld reicht so halbwegs, aber ich lebe von der Schönheit. Und bald habe ich »freie Fahrt«, nur noch einige Tage trennen mich von der »schwarzen Mamba«, so wird die BahnCard-100 genannt. Kein Zuhause, aber immer unterwegs, zwischen den Schienen, Orten und Menschen. Was hat die Netzkarte, abgesehen von der Farbe, mit der längsten Giftschlange Afrikas gemeinsam? Dass ein ICE aussieht wie eine Schlange? Vielleicht fuhren aber auch die Erfinder der Netzkarte imPhantasialand mit der gleichnamigen großen Achterbahn. Denkt man im ICE nun auch an »Beinahezusammenstöße«, wie Achterbahnexperten den kalkulierten Nervenkitzel nennen?
Ich werde meine Karte nicht so nennen. Sie braucht keinen Kosenamen, sie ist nur mein Freifahrtschein, auch wenn ich nicht immer weiß, wohin. Sie steht für eineMöglichkeit, nicht nur für das tatsächliche Fahren. Deshalb bin ich schon Inhaber der Karte, bevor sie gilt. Mein Blick verändert sich. Ich laufe vom Bahnhof in Hamburg-Altona zurück in mein Büro, vorbei an Plakaten. Eine Ausstellung in Düsseldorf. Eine Oper in Berlin. Eine Lesung in Frankfurt. Ein Konzert in Köln. Ja, da könnte ich hinfahren. Ich werde in der Bahn meine Karte vorzeigen und an der Kasse meinen Presseausweis. Danach werde ich wieder zu jemandem gehen, neben dem ich gern erwache. Ich werde nämlich nicht gern allein wach. Ab und zu finde ich in ein vertrautes Bett. Ich weiß nicht immer, in welcher Stadt ich wach werde, aber die Anwesenheit eines anderen Körpers beruhigt mich. Unbewusst arbeitet in uns etwas, uns umgreift die Sorge der Person, die neben uns liegt und die auf uns achtet.
Aber dann breche ich wieder auf, immer bin ich unterwegs. Bevor ich weiterfahre, lege ich einen Brief unters Kopfkissen der Geliebten, statt Blumen. Es ist der Beweis der letzten Nacht. Im Umschlag findet sich eine liebesbriefhafte Erzählung darüber, wie es ist, neben ihr wach zu werden:
Die Sonne fällt auf deine noch geschlossenen Augen, aber die gelbe Wärme malt dir das Lächeln ins Gesicht. Meine Hand fährt über deine Beine und irgend etwas fällt scheppernd vom Bett, am Rand stand noch immer das Tablett, doch das stört uns ebenso wenig wie die Blicke der Nachbarn oder der Vögel durch das große strahlende Fenster. Ist das der anbrechende Sommer? Da, du schreckst auf, über diesen stahlblauen Himmel schießt ein Mauersegler, die Schwalben sind da, und ich drücke dich zurück in die weißen Laken. Im Sommer gilt nur der erste Beatles-Song, der kommt gar nicht erst aus Lautsprechern, sondern ich habe dir die Gitarre, der du einen Namen gegeben hast, in die Hand gedrückt und du sitzt nackt in der Sonne, eins der schönsten Geschöpfe Gottes, und spielst »Black Bird« und dann »In my life« und dann einen Song, den du noch gar nicht spielen kannst, aber das ändert nichts an der Sonne, an den Mauerseglern und ihrer hohen Geschwindigkeit, sie zischen durch diese Schöpfung, sie geben das Tempo des Lebens vor. Aber heute bremsen wir es aus, ins Nichts, und als du sagst, was das für ein schöner Morgen ist, zeigt die Uhr bereits halb vier. Aus solchen Träumen erwacht man gar nicht erst, nur wird aus Kaffee irgendwann Weißwein, der über dein Schlüsselbein läuft. Er läuft hinab bis auf