Kapitel Eins
»Duett-Abend?«, frage ich den Typen, der in der Bar die Karaoke-Maschine bedient.
Er nickt, richtet seine Aufmerksamkeit aber weiterhin auf die Liste mit Songwünschen vor ihm.
»Ich muss also eine Frau finden, die mit mir singt?«
Wer mich kennt, weiß natürlich, dass ich jederzeit problemlos eine Duett-Partnerin finde, aber ich will wie üblichYou Shook Me All Night Long von AC/DC singen. Damit kriege ich die Frauen nämlich überhaupt erst rum.
Er klickt mit der Maus auf ein paar Schaltflächen. »Tut mir leid, kommen Sie morgen wieder«, sagt er mit koreanischem Akzent. Ein Pärchen nähert sich der Bühne und zieht die Aufmerksamkeit des Typen auf sich.
Kopfschüttelnd setze ich mich wieder zu meinen Freunden an den Tisch.
»Warum so mürrisch?«, fragt Skylar und zieht einen Schmollmund, als wäre ich zwei und hätte mir das Knie aufgeschlagen.
»Heute ist Duett-Abend«, sage ich.
»Oh!« Mia schaut Grady an. »Komm, lass uns singen.«
Grady blickt zu Beckett und atmet tief durch. Glaubt er etwa, Beckett springt für ihn ein?
»Nee, lass mal, ich sehe lieber zu«, sagt Grady.
Mia zupft an seinem Hemd, schmiegt ihren Kopf an seine Schulter und blickt ihn unter dichten Wimpern flehend an. »Bitte!«
Er schaut auf sie hinunter. Wir könnten den ganzen Tisch befragen, ob Grady nachgeben wird oder nicht, alle wären derselben Meinung: Er wird. Momentan steht er nämlich voll unter dem Pantoffel.
»Na schön.« Grady erhebt sich und reicht Mia die Hand.
»YAY!«, ruft sie und greift nach ihrem Handy auf dem Tisch. »Aber erst muss ich den perfekten Song für uns finden.«
Die beiden verschwinden und lassen mich mit Ross und Rachel alias Beckett und Skylar zurück.
»Verdammtes Arschloch.«
Ach ja, und mit Demi natürlich, der Frau, die mich jeden Tag mit Blicken zu töten versucht. Ein Talent, das sie momentan allerdings gegen das Smartphone in ihrer Hand einsetzt.
»Was ist los?« Skylar beugt sich über den Tisch zu ihrer Freundin.
Die Show wird gut. In Demis Leben ist alles immersooo dramatisch. Ich lehne mich zurück und nehme einen Schluck Bier.
Als ich mich umschaue, bemerke ich, dass der kleine Raum voller miteinander schmusender Männer und Frauen ist. Dann richte ich den Blick auf unseren Tisch.
Sechs Leute. Drei Mädels. Drei Kerle. Mhm …
»Ist das hier etwa ein Pärchen-Abend, verdammt?«, frage ich. Meine schlechte Laune wegen der Qualität meiner Trainingsläufe – beschissen, falls es jemandem noch nicht klar sein sollte – scheint sich auch auf diesen Abend auszudehnen.
Demi richtet ihren typischen Todesblick auf mich.
»Nein«, sagt Beckett. Ich bin mir sicher, ihn interessiert nicht im Geringsten, was mit Drama-Demi los ist.
»Sieh dich doch mal um.« Ich deute auf den Raum um uns herum, und Beckett lässt den Blick schweifen.
»Tja, wir sind jedenfalls kein Pärchen«, sagt er und zeigt tatsächlich auf sich und Skylar.
»Manchmal frage ich mich, wie du überhaupt die Piste erkennen kannst«, versetze ich kopfschüttelnd.
Er zieht die Brauen zusammen. Ehrlich, ich bin noch nie jemandem begegnet, der so blind wie Beckett ist. Ich meine, schau dir die Frau an deiner Seite doch mal an, Kumpel. Ich verstehe ja, dass er keine Beziehung will, aber praktisch gesehen steckt er mittendrin. Es ist über ein Jahr her, dass ich einen der beiden mit jemand anderem gesehen habe, und diese Ausflüge waren jeweils nur von kurzer Dauer.
»Jetzt sind Grady und Mia dran«, ertönt die Stimme des Moderators aus den Lautsprechern, und wir drehen uns alle zur Bühne.
Grady steht einfach nur da, während Mia auf und ab hüpft und lächelnd auf die Gruppe ihrer Freunde herabblickt.
»Na los, Rogue!«, rufe ich, obwohl er seinem Spitznamen gerade absolut keine Ehre macht.
Der Song beginnt, und Demi prustet so sehr, dass sie ihr Bier ausspuckt. Skylar fängt auch an zu lachen, während ich Demi eine Serviette reiche. Offenbar hat sie vergessen, worüber sie sich noch vor einer Minute geärgert hat. Die beiden Mädels tanzen auf ihren Stühlen, während sie Grady und Mia dabei zuschauen, wie sieDon’t Go Breaking My Heart von Elton John und Kiki Dee singen.
Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück und grinse, weil Mia komplett in dem Song aufgeht und um Grady herumtanzt, während er nur dasteht und mit monotoner Stimme seinen Text herunterleiert. Er bringt es nicht mal fertig, Beckett und mir ins Gesicht zu sehen.
»Wir sollten die Show echt aufzeichnen«, sagt Beckett und holt sein Handy heraus.
Skylar blickt ihren »Freund« an. »Komm, wir gehen auch da rauf.«
Beckett lächelt und nickt. »Okay. Du suchst den Song aus.«
Ich kenne echt keinen anderen Kerl, der es toll findet, ein Karaoke-Duett zu singen.
Mias und Gradys Song verklingt. Mia stellt sich auf die Zehenspitzen und drückt Grady einen Kuss auf die Lippen.
»Danke«, murmelt sie, und er fängt an zu strahlen. Nachdem sie die Mikrofone zurückgegeben haben, umfasst er ihre Hüften und hebt sie hoch.
Während sie von der Bühne herunterkommen, küssen sie sich ununterbrochen. Wenigstens wird er für seine Gesangseinlage später flachgelegt.
»Na komm, auf geht’s.« Skylar steht auf und greift nach Becketts Hand.
»Gut gemacht, Leute!«, ruft Demi. Sie applaudiert und gibt jedem ein High Five.
»Ja, super, Grady. Aber ich glaube, du hast dich nicht so gut amüsiert wie Mia«, sage ich.
Er verdreht die Augen. »Dich hab ich da oben noch gar nicht gesehen, Arschloch«, erwidert er, setzt sich und nimmt einen großen Schluck Bier.
»Ich habe ja auch keine, mit der ich singen kann.«
Mias Blick huscht zu mir, und wenn mir genug Zeit dafür bliebe, würde ich ihr den Mund zuhalten.
»Demi. Warum singst du nicht mit Demi?«
Demi schweigt.
»Ich dachte, sie hat da diesen heißen Freund«, sage ich zu Mia.
Demi hat den ganzen Abend von einem Typen geschwärmt, den sie getroffen hat … dass er ein totaler Gentleman ist, wahnsinnig aufmerksam und so. Er ist Skifahrer, gehört zum französischen Team. Was mich betrifft, ist er der Feind, aber was soll’s.
Demi hebt ihr Handy hoch. »Tja, anscheinend doch nicht.«
Das war also die schlechte Nachricht.
»Was ist los? Er mag Brie und du nicht?«, frage ich grinsend, was mir den ungefähr fünfzehnten Todesblick an diesem Abend einbringt.
»Ja, genau.« Sie lehnt sich auf dem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor der Brust.
Verdammt, ihre Brüste sind einfach perfekt. Vor meinem inneren Auge sehe ich glasklar, wie ich bei den letzten Winter Classics mit dem Kopf zwischen ihnen gesteckt habe. Ich hätte gegen eine Wiederholung nichts einzuwenden, aber leider hasst sie mich inzwischen.
»Ihr beiden habt eine Menge gemeinsam, Dax«, sagt Demi schnippisch. »Er schreibt, er würde die Spiele gern als Pause betrachten … Im Klartext also: Er will so viele Frauen vögeln wie möglich.«
»Quatsch, alles nur Vorurteile und Klischees.« Ich nehme einen Schluck von meinem Bier.
»Ein Grund mehr für euch, zusammen auf die Bühne zu gehen«, spornt Mia uns an.
Ich verstehe Demis Schweigen als ein Nein. Tja, was soll’s. Hier wird es doch irgendwo eine einsame Frau geben, die mit dem heißesten Typen im Raum singen will.
»Beckett und Skylar sind dran«, sagt der Moderator.
Die beiden grinsen von einem Ohr zum andern. Beckett hat die erste Liedzeile. Er tanzt und rollt die Schultern, während die beiden einander umkreisen und so tun, als wären sie Estelle und Kanye West, dieAmerican Boy singen.
»Schau dir bloß mal Beckett an, er ist voll bei der Sache«, sagt Mia zu Demi und rutscht auf Skylars Stuhl, um näher an der Bühne zu sein.
Die beiden sind echt süß. Wie ein Laden voller Süßigkeiten.
Ich trinke mein Bier aus und schiebe es in die Mitte des Tisches. Da ich mich heute Abend auf zwei Drinks beschränken werde, geht es jetzt mit Wasser weiter.
Die...