Kapitel 2
Prenzlauer Berg
Julius Haak stand in diesem Moment im Schlafzimmer einer Wohnung im Bötzowviertel und wünschte sich von Herzen zurück an seinen Schreibtisch. Ein Stück entfernt, draußen im Hausflur, konnte er den Besitzer der Immobilie lautstark zetern hören.
«Ich kann diese Art von Ereignissen gar nicht leiden», rief Lovis Reek gerade. «Ich ziehe es vor, wenn finanzielle Angelegenheiten reibungslos vonstattengehen und die Mieter meiner Wohnungen ihre Mieten pünktlich und unaufgefordert zahlen. Lebendig sind sie mir zudem deutlich lieber als tot.»
Julius warf noch einen Blick auf das, was dort auf dem Bett lag, und war davon überzeugt, dass dieser Mann nie wieder pünktlich und reibungslos seine Miete zahlen würde. Wie schon beim Betreten des Raumes unterdrückte er ein Würgen, öffnete rasch noch eines der Fenster und überließ das Feld den eilig herbeigerufenen Kollegen, die alle Spuren sichern sollten.
Er selbst flüchtete sich vor dem Fäulnisgeruch zurück auf den Treppenabsatz, wo ein weiterer Kollege schon seinen Klapptisch aufgebaut hatte, bereit, die Aussagen jener aufzunehmen, die das Pech hatten, den Toten zu entdecken. Es handelte sich um den noch immer nörgelnden Hausbesitzer Lovis Reek und seinen wesentlich betroffener wirkenden Hauswart, Moritz Schönrogge. Zusammen hatten sie dem säumigen Mieter von Nummer 4 im ersten Stock an diesem Abend noch einen Besuch abstatten wollen, um ihn an seine Schulden zu erinnern. Ganz höflich, wie sie den Polizisten unaufgefordert versichert hatten.
Lovis Reek war ein stattlicher Mann in maßgeschneiderter Kleidung mit Hut, Gehstock und mit Lammfell gefütterten Handschuhen. Er gehörte, laut eigener Aussage, zu den Glücklichen, die es allein durch Geburt zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht hatten. Sein Vater hatte ihm gleich mehrere Mietshäuser wie dieses im Bötzowviertel hinterlassen. Hübsche Gebäude mit Erkern, Türmchen und überdachten Balkonen zur Straße hin, erbaut für den Mittelstand. Die daraus resultierenden Mieteinnahmen sicherten Lovis Reek ein nahezu sorgenfreies Leben.
All das hatte Haak von ihm schon erfahren, während sie die Stufen zu Nummer 4 hinaufgestiegen waren. Reek lag viel daran, als das erkannt zu werden, was er war: ein Mann von Welt, der es nicht nötig hatte, seine Mieter um die Ecke zu bringen. Und tot war der Herr aus Nummer 4 schon eine ganze Weile, wie Julius Haak hatte feststellen dürfen, als er einen Blick auf die Leiche warf.
«Der Mann, der diese Wohnung gemietet hatte, nannte sich Emil Müller, ist das richtig?» Haaks Blick war auf Reek gerichtet, doch die Antwort erhielt er vom übereifrigen Hauswart.
«Jawohl. Emil Müller. Und er hat die ersten zwei Monate im Voraus bezahlt. Dann aber floss kein Geld mehr, deshalb wollten wir heute einmal persönlich mit dem Mann sprechen.» Schönrogge schielte zu seinem Arbeitgeber hinüber.
Dieser ließ nur zögerlich sein vor Nase und Mund gepresstes Taschentuch sinken und ergänzte: «Ich tue so etwas ungern, aber oft helfen nur ein paar deutliche Worte, damit das mir zustehende Geld den Weg in meine Taschen findet.»
«Kommt so etwas häufig vor? Dass Sie bei Ihren Mietern persönlich vorstellig werden müssen, um die Miete einzutreiben?» Haak versuchte, Reek seine Antipathie nicht allzu deutlich spüren zu lassen, fürchtete aber, dass ihm dies nicht so recht gelang. Der Hauseigentümer wirkte wie die Art Mensch, die ohne mit der Wimper zu zucken den Wochenlohn eines Polizisten auf die nächste Rennbahn trug und sich gleichzeitig um die Sorgen und N