„Mum, wo ist meine rote Jacke, die Armeejacke?“
„Du willst allen Ernstes mit diesem Karnevalsteil in dein Seminar gehen? Santana!“
Santana schlüpfte in ihre groben, schwarzen Biker Boots und richtete sich ächzend wieder auf. „Mum, das ist eine Vintage-Jacke, sie kommt aus einem Theaterfundus und ich liege damit voll im aktuellen Trend.“
Ihre Mutter rümpfte die Nase. „Will ich wissen, was das für ein Trend ist?“
Santana musterte die kleine, leicht rundliche Frau, die ihr gerade einmal bis zum Kinn reichte, liebevoll. „Einigen wir uns einfach darauf, dass du – wie soll ich sagen – einen Hauch konservativer bist, als ich es bin, okay?“
„Ich könnte dir so hübsche Dinge schneidern, wenn du mich ließest.“
Keine gute Idee. Trägerröcke und Karoblusen lagen ihr nun einmal nicht.
„Danke, Mum, du bist ein Schatz. Aber ich denke, das lassen wir. Im Ernst, ich möchte gerne pünktlich in der Uni sein, wo hast du meine Jacke versteckt?“
Mit spitzen Fingern, so, als fürchtete sie, sich an dem Kleidungsstück zu verbrennen, reichte Erin Kinnear ihrer Tochter die Jacke. „Na gut, schließlich bist du alt genug, um zu wissen, was du tust.“
Aufatmend fuhr Santana in das ausgefallene Teil. „Ja, so ist es.“ Sie drehte ihre langen, kupferroten Haare zu einem dicken Dutt und steckte ihn geschickt fest. „Weißt du, ich finde, mein Stil passt perfekt zu meinem Namen.“
Erins leises Schnauben nahm sie amüsiert zur Kenntnis. Sie war sich bewusst, dass das ihr Killer-Argument war. Sie tat es ungern, aber ab und an musste sie es auffahren. Nachdem ihre Mutter sie vor zweiundzwanzig Jahren partout nach dem Ausnahmemusiker Carlos Santana benennen musste, war das eine willkommene Steilvorlage für Diskussionen, auf die sie keine Lust verspürte und die daher dringend abgekürzt werden sollten. Wobei sie ja noch von Glück reden konnte. Wäre sie ein Junge geworden, hieße sie jetzt Carlos … Carlos Kinnear, ganz toll!
Prüfend musterte sie sich im Flurspiegel. Ja, doch, so gefiel sie sich. Das Kleidungsstück, das Erin so unheimlich war, stand ihr sehr gut. Die rote Armeejacke harmonierte perfekt mit ihren hellblauen Augen, der knallengen, schwarzen Jeans und den Boots. Sie griff nach ihrer antiken Arzttasche, einer Errungenschaft vom letzten Flohmarkt, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und öffnete die Haustür.
„Mum, ich bin um halb drei wieder zuhause. Soll ich auf dem Heimweg einkaufen?“
„Ja, vielleicht ein paar gängigere Kleidungsstücke?“
„Ich hab dich auch lieb, Mylady!“
Heute zog sich das Seminar wieder ganz besonders. So sehr sie die Geschichte ihrer Heimat liebte, so sehr verabscheute sie das endlose Auflisten von Jahreszahlen. Gelangweilt setzte sie Ziffer um Ziffer unter die nicht enden wollende Liste in ihrem Heft. Es half alles nichts, wenn sie ihren Traum wahr machen und historische Touren für Touristen anbieten wollte, dann musste sie auch das hier über sich ergehen lassen. Santana liebte Geschichte wirklich, vor allem die Geschichte ihres Landes, die sie immer sehr stolz machte. Das Lernen von Jahreszahlen aber war ihr ein Graus. Schade, denn ohne vernünftiges Grundwissen ging es nun einmal nicht.
Bannockburn, 23. und 24. Juni 1314.
Santanas Gedanken drifteten unweigerlich ab. Vor ihrem inneren Auge erschien ein riesiges Schlachtfeld. Zwei Armeen prallten aufeinander, Kampfgeschrei erklang, Schlachtrösser trugen stolze, mutige Ritter herbei. Schwerter wurden gezogen und Feinde erzitterten.
Nicht ganz so dramatisch, aber interessant und unterhaltsam sollten ihre Touren werden. Mit Statisten, nachgespielten Szenen der schottischen Geschichte, ein wenig Drama, gutem Essen und viel Schottland.
„Santana, bitte komm mit mir. Hörst du nicht? Du musst mitkommen.“
Der Wechsel von 1314 ins Jahr 2019 war nicht leicht zu vollziehen, trotzdem gelang es ihr, wenn auch leidlich. Ann, die dienstälteste Sekretärin der Fakultät, stand neben ihr und rüttelte sie leicht an der Schulter.
Verwirrt blickte sie zuerst Ann, dann ihren Professor an, der seinen Vortrag unterbrochen hatte und dessen Blick ebenso mitleidig auf ihr ruhte wie der von achtzehn Kommilitonen. Endlich fand sie ihre Sprache wieder.
„Verzeihung, ich war ein paar Jahrhunderte weit weg