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Sie saß am Schreibtisch und arbeitete an ihrem Vortrag »Immunzellen alsliving drugs«, den sie nächsten Dienstag in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften halten durfte. Traditionell setzte sich das dortige Publikum aus wissbegierigen älteren Menschen und einigen Studenten und Nachwuchswissenschaftlern zusammen. Aus der einschlägigen Sektion IV der Natur- und Lebenswissenschaften und Medizin wohnten meist einige Mitglieder diesen Publikumsvorträgen bei. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, die Einladung zu so einem Vortrag habe den Charakter einer Bewerbungsvorlesung mit Blick auf die nächsten Zuwahlen in diese traditionsreiche Gelehrtengesellschaft. Da kam es auf viel Fingerspitzengefühl in der Formulierung an. Das Laienpublikum sollte verstehen, über was sie sprach, und den Spezialisten im Auditorium musste sie nebenbei knallharte Forschungsergebnisse präsentieren. Je Sektion gab es nur dreißig ordentliche Mitglieder, die auf Lebenszeit gewählt waren und die – außer durch Tod – die Mitgliedschaft nur durch Wegzug aus Bayern verloren.
In ihrer Sektion war momentan ein Platz frei. Den wollte Cleo Berenike Ascher für sich. Unbedingt. Das sollte die vorläufige Krönung ihrer beruflichen Laufbahn sein und zugleich der Startschuss für den finalen Höhenflug, denn eines Tages wollte sie in die Medizingeschichte eingehen als eine moderne Marie Curie der Onkologie. Den Grundstein hierfür hatte sie in den letzten drei Jahren gelegt. Quartal für Quartal war es ihr gelungen, aufsehenerregende Aufsätze inNature, Nature Biomedical Engeneering, Nature Medicine undScience zu veröffentlichen und mit etlichen weiteren Publikationen in kleineren Spezialzeitschriften in die vorderen Reihen der meistzitierten Autoren zu gelangen. Der Lohn war die Berufung auf den Lehrstuhl für Gen-Immuntherapie der Münchner Exzellenzuniversität samt Direktorenposten amBavarian Research Center for Oncological Studies and Immunology, einem weltweit führenden Institut für Immunmedizin. Bei der Besetzung des freien Platzes in der Sektion für Lebenswissenschaften der Akademie führte kein Weg an ihr vorbei.
Cleo spürte den Stolz in ihrer Brust als wohltuende Aufregung. Mochte es draußen regnen, so viel es wollte, hier an ihrem Schreibtisch schien die Sonne, denn die Redaktion ihres Vortrags ging ihr gut von der Hand. Zufrieden streichelte sie Cashina, die schnurrend auf ihrer Schulter saß, über den Rücken und genoss das weiche Gefühl an der Wange, als sich die Birma-Katze an sie schmiegte. Sie fühlte sich im Einklang mit ihrer Katze und war glücklich.
Weniger glücklich war sie mit den Ergebnissen einer Experimentreihe, mit der sie einen bestimmten Typus von Fresszellen der Immunabwehr für gezielte Angriffe auf Pankreastumorzellen programmieren wollte. Zwar zeigten sich in einer Reihe von Einzelfällen erstaunliche Therapieerfolge, aber bei der Mehrheit der Patienten blieben die spezifischen Medikamentengaben erfolglos. Das war inakzeptabel. Gerade in diesem Bereich bestand ein herausragendes Interesse mehrerer Pharmafirmen, ein wirksames Präparat zu entwickeln. Cleo stand mit einem großen amerikanischen Unternehmen in Kontakt, das im Erfolgsfall viel Geld in die Hand nehmen würde. Gelänge hier ein Durchbruch, stünden ihr alle Wege offen. Sie würde sich mit ihrem Kooperationspartner am Klinikum über eine Veränderung des Versuchsdesigns unterhalten müssen, schließlich war es in Ausnahmefällen notwendig, die Fragen vernünftig an den Antworten zu orientieren. Darin hatte sie es in den letzten Jahren zu wahrer Meisterschaft gebracht. Sie hielt es schon länger mit dem Motto: Es gibt keine dummen Antworten, nur dumme Fragen.
Einen internationalen Spitzenwissenschaftler zeichnete es aus, sich mit den richtigen Problemstellungen auseinanderzusetzen. Selbstverständlich war der reine Erkenntnisgewinn aller Ehren wert, aber erfolgreich forschen konnte nur, wer für ein klar definiertes Problem eine zutreffende Lösung fand. Cleo wusste, dass sie sich damit in Widerstreit zur he