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Aus den Lebenserinnerungen der Kurtisane Isis de Luna Emilia Romagna und Rom, 1595
Der Geruch des Todes ist süß, aber sein Anblick so schwarz wie die Pestbeulen, die das Antlitz meiner Schwester Graziosa entstellten. Sie war die Schönere von uns beiden, die Mutigere, die Lebendigere; sie hatte dichtes Haar, honigbraun und voll sonnigem Glanz – doch nun verfaulte sie, und Ratten nagten an ihren bläulichen Zehen. Ich jagte sie fort – entsetzt, dass sie sich an dem verderbenden Leib meiner Schwester vergingen, und erleichtert, dass noch etwas in diesem Raum lebte. Denn außer mir waren alle tot.
Ein fahrender Händler hatte die Pest mit ihren schwarzen Beulen, dem üblen Gestank, den vertrockneten Kehlen, den unmenschlichen Schreien gebracht. »Ihr hättet ihm niemals das Tor öffnen dürfen«, klagte Serafina, meine Amme, ehe sie sich niederlegte, um zu sterben.
»Wer hätte es ahnen können«, gab meine Mutter zurück, weinerlich und verzagt und dennoch selbst in der Todesstunde nicht bereit, von ihrem Recht zu lassen, das Leben bunter und fröhlicher zu färben, als mein Vater es ihr zugestand.
Der Händler hatte Stoffe verkauft – Atlas, Samt und Seide. Mit einem dieser edlen Tücher – von denen er behauptete, sie stammten aus dem fernen Morgenland, meine Amme Serafina aber wusste, dass sie gewiss nicht weit von hier in Umbrien gewebt worden waren – lag meine Mutter zugedeckt, als ich sie fand. Ihr Gesicht war nicht zerfressen