Handbuch Gemeindepsychologie – Eine Hinführung
Asita Behzadi, Albert Lenz, Olaf Neumann, Ingeborg Schürmann& Mike Seckinger
Gemeindepsychologie blickt in Deutschland auf eine über vierzigjährige Geschichte zurück. Von dieser wird in diesem Band berichtet (vgl. Kap. 3Narrative zur Geschichte der deutschen Gemeindepsychologie und Kap. 1Gemeindepsychologie: Geboren aus dem Widerstand! Wie kann sie auch in Zukunft kritisch und widerständig sein?) sowie von den vielfältigen Entwicklungen, die sich seither in der deutschsprachigen Gemeindepsychologie (im Englischen Community Psychology) zugetragen haben. Das vorliegende Handbuch lässt sie sichtbar werden.
Die Gemeindepsychologie ist der Teil der Psychologie, der die wechselseitigen Beziehungen von Person und Kontext in das Zentrum theoretischer Fragen, empirischer Studien und (psychosozialer) Praxis rückt. Oder wie es Moritsugu, Vera, Wong und Grover Duffy (2019) formulieren: Gemeindepsychologie nutzt ein ökologisches Modell und fokussiert auf die Wechselbeziehungen zwischen sozialen Settings, Systemen und Institutionen, die Gruppen und Organisationen sowie Individuen beeinflussen. In der Gemeindepsychologie haben sich über die Zeit fünf grundlegende Prinzipien herausgebildet, die zu einer kohärenten Perspektive führen. Dies sind (a) eine Verschiebung der Analyseebene, weg von einer individualistischen hin zu einer, die die Person im Kontext fokussiert, (b) die Nutzbarmachung kontextsensibler Wissenschaftsphilosophien, (c) die Orientierung an den zentralen Werten Vielfalt und Kultur, (d) die Priorisierung von Empowerment und gemeinschaftlichen Bewältigungsstrategien sowie (e) einem Selbstverständnis, das den Anspruch erhebt, mehr als „nur“ Wissenschaft zu sein, indem Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Ungleichheit und der Beziehung zwischen Wissenschaft und Staat bearbeitet werden (Beehler& Trickett, 2017).
Die Gemeindepsychologie ist also aus einer Kritik an einer zunehmend individualistisch-zentrierten Psychologie entstanden, die die Umwelt eher als eine äußere, wenig gestaltbare Bedingung für die menschliche Entwicklung in den Blick nimmt. Auch wenn in Deutschland wesentliche Impulse für die Entwicklung einer gemeindepsychologischen Perspektive aus den Reformbewegungen im Gesundheitssystem und der psychosozialen Versorgung stammen, so war von Anfang an eine Entwicklung angelegt, die die gemeindepsychologische Perspektive nicht zu einer weiteren „Bindestrichpsychologie“ werden ließ (z. B. Keupp, 1982). Es geht in der Gemeindepsychologie nicht darum, sich auf ein einziges Anwendungsfeld zu fokussieren, denn dies stünde im Widerspruch zu der grundlegenden Aufgabe, sich mit der Person und dem Kontext aus einer psychologischen Perspektive zu befassen. Die reflexive Auseinandersetzung mit dem wechselseitigen Verflochtensein von Person und Kontext ist für alle psychologischen Fragestellungen in Forschung und Praxis relevant und stellt daher eine grundlegende „radikale Perspektive“ (Keupp, 1982, S. 11), ein Paradigma, dar, das quer zu psychologischen Subdisziplinen verläuft. Die Gemeindepsychologie bietet somit einen Rahmen, der Anregungen, konzeptuelle und theoretische sowie e