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Tilda
„Endlich geschafft.“ Erschöpft schüttele ich meine Hand aus. Amanda Rose King, mit einem Herzchen statt eines i-Punkts. So habe ich es in der letzten halben Stunde in fünfzig Bücher geschrieben, auf die erste Buchseite gleich unter den Titel.
Romantische Liebesromane lassen sich um ein Vielfaches besser verkaufen, wenn sie von der Autorin signiert angeboten werden. Und bei einem Bestseller wieZuckerkuss bedeutet das; klingelnde Kassen für mein kleines, aber feines Unternehmen.
Bisher habe ich zweihundertneununddreißig Bücher mit Widmung verkauft.In Liebe, Amanda Rose King stand in jedem einzelnen davon. Da meine einfallsreiche Verkaufsmasche dermaßen gut funktioniert, überlege ich, den nächsten Schritt zu wagen: Die persönliche Widmung.
Ungeahnte Möglichkeiten würden sich auftun.
Man braucht kein Genie zu sein, um zu wissen, dass ein individueller Gruß bei einer anspruchsvollen Leserschaft weitaus besser ankommt als ein allgemeingehaltenesIn Liebe.
Da eh schon jeder im Umkreis denkt, dass ich Amanda persönlich kenne, - was ich natürlich nicht tue - sollte das Risiko nicht allzu groß sein. Selbstbewusstes Auftreten kombiniert mit Vorwitz sind der Schlüssel für ein gutes Gelingen. Zumindest, wenn es um meine Existenzgrundlage geht, welche ich mit jeder Menge Herzblut aufgebaut habe.
Mein GeschäftDer kleine Laden ist mein Ein und Alles und liegt mitten in Berlin. Es ist winzig, wie der Name bereits verrät. Die Verkaufsfläche umfasst gerade mal fünfundzwanzig Quadratmeter und macht jede Überwachungskamera überflüssig. Hinter meinem Verkaufstresen bekomme ich alles mit.
Aber wie bei so vielen anderen Dingen im Leben, kommt es nicht auf die Größe an. Die Sachen, die es bei mir zu kaufen gibt, sind verschiedenartig und stets von mir persönlich ausgewählt. Nicht selten arbeite ich mit Künstlern zusammen und verkaufe ihre Artwork in Kommission. Die Kunden kommen zu mir, wenn sie ein besonderes Geschenk suchen. Und da ich mich stets bemühe, in jeder Preisklasse etwas anzubieten, werden sie nie enttäuscht. In meinem Laden gibt es die ausgefallensten Dinge. Vintage, Antiquitäten, Kunst und sogar Schnickschnack für Kinder ab dem Vorschulalter. Wer gerne auf den Trödelmarkt geht, kommt auch gerne zu mir.
Leider herrscht seit ein paar Wochen eine Flaute, sodass mir die Idee, im Namen der Autorin zu signieren, kam. Zum Glück hat mein Einfall gezündet und die Kasse ordentlich klingeln lassen.
Beflügelt von meiner nächsten originellen und, wie ich finde, cleveren Idee mit der persönlichen Widmung, greife ich nach dem Stift, den ich gerade erst weggelegt habe und ziehe die Schublade meines Schreibtisches auf. Irgendwo muss hier noch ein schlichter weißer Büttenkarton sein.
Nachdem ich fündig geworden bin, fasse ich mir ein Herz, überwinde die letzten Skrupel, und schreibe:Sie möchten Ihr Zuckerkuss-Exemplar mit persönlicher Widmung? Kein Problem, sprechen Sie uns an.
Als bestünde die Gefahr, dass der Stift im nächsten Moment Feuer fängt und mich in Brand setzt, lasse ich ihn fallen. O Gott! Bestürzt von der Leichtigkeit, mit der ich die Worte verfasst habe, trete ich ein Stück zurück. Was habe ich getan? Wie konnte ich nur? Ich fühle mich schlecht. Jedenfalls ein bisschen und ein paar Sekunden lang.
Wie unehrlich und aalglatt du doch bist!Das Karma wird dich finden, Tilda. Du begehst eine Straftat.
Einen Moment lassen meine eigenen Worte mich innehalten. Aber … Herr im Himmel! Wer glaubt schon an Spiritualität? Oder an Karma? Was ich mache, ist maximal ein kleines Vergehen, niemals eine Straftat. Bestimmt machen sowas auch andere Leute.
Kaum sehe ich die akkurat geschwungenen Buchstaben auf dem strahlend weißen Büttenkarton mit der Riffeloptik, verfliegt mein schlechtes Gewissen und macht Bewunderung Platz.
Wunderschön. Einzigartig. Stolz schwellt meine Brust und lässt mich ausatmen. Die letzten Zweifel verpuffen wie heiße Luft.
Du bist eine Meisterin deines Fachs, Tilda. Eine begnadete Künstlerin. Die Worte meines ehemaligen Professors hallen in mir nach und lassen mich die gewohnte Zufriedenheit empfinden. Wenn der Laden pleite geht, weil ich auffliege, kann ich mein Geld mit Grußkartenschreiben verdienen.
Vielleicht bin ich voreingenommen und überheblich, aber der Schwung des kleinen Ms gelingt mir auch nach den vielen Jahren des Pausierens noch ausgesprochen gut. Prof. Dr. Jonn, mein Typografieprofessor im zweiten Semester, wäre stolz auf mic