Kapitel 1
„Mama, kannst du mir mal den Reißverschluss zu machen?“ Lisa raffte den Rock ihres langen Kleides zusammen, während sie aus dem Badezimmer stöckelte. Mit einem großkrempigen Hut würde sie aussehen wie die junge Audrey Hepburn.
„Mein Gott, Kind, du siehst hinreißend aus!“ Wunschgemäß half Andrea ihrer Tochter, den Reißverschluss zu schließen. „Auf diesem Abiball werden sich alle Jungen aus deiner Stufe in dich verlieben – wenn sie es nicht sowieso längst getan haben.“
„Ach, Mama!“ Unwillig runzelte Lisa die Stirn. „Immer musst du so übertreiben. Du hast keine Ahnung. Ich sehe weder besser aus als die anderen aus meiner Klasse noch interessiert das die Jungs aus unserer Stufe überhaupt.“
Thomas betrat das Wohnzimmer, blieb auf der Schwelle stehen und strahlte seine Tochter an.
„Ein Engel hat unser Haus betreten.“ Er breitete die Arme aus und zog Lisa vorsichtig zu sich heran, ohne ihr schönes Kleid zu zerdrücken. „Auf jeden Fall wird es am ganzen Abend keinen Vater geben, der stolzer auf seine Tochter sein könnte als ich.“
Lisa strahlte.
Andrea schüttelte den Kopf. Väter und Töchter!
Von allen Seiten strömten die Abiturienten mit ihren Familien zur Stadthalle, der Eventlocation, die die Schüler für den Abiball gemietet hatten. Der Festsaal füllte sich mit hochaufgeschossenen jungen Männern, die sich in ihren Anzügen noch sichtlich ungewohnt bewegten, und mit erstaunlichen Elfchen, Engelchen, Mini-Vamps und Modepüppchen. Ein Tuscheln und Kichern erfüllte den Raum, und Andrea lächelte bei der Vorstellung, dass diese süßen jungen Dinger schon ihre Reifeprüfung abgelegt hatten.
Sie hakte sich bei Thomas ein und seufzte. „Tja, und plötzlich ist unser Küken groß und wir entlassen es ins Leben...“
Erst letztes Jahr hatte Lisas Bruder Thilo in diesem Saal seinen Abiball gefeiert; inzwischen studierte er Elektrotechnik an der TU Darmstadt, also in der Innenstadt. Er war aber ins Studentenwohnheim gezogen und kam meist nur am Wochenende nach Hause, und nicht einmal jede Woche. an der TU Darmstadt, also in der Innenstadt. Er war aber ins Studentenwohnheim gezogen und kam meist nur am Wochenende nach Hause, und nicht einmal jede Wochen. Doch dieses Wochenende war er da, denn Thilo hatte es sich nicht nehmen lassen, an der Abifeier seiner Schwester teilzunehmen, um seine alten Lehrer und die Schüler und Schülerinnen aus der Klasse unter ihm wiederzusehen. Seine Eltern sahen ihn im regen Gespräch mit der Englischlehrerin Frau Rothkamp und dem Biolehrer Herrn Leise. Wie viel erwachsener und selbstverständlicher sein Umgang mit den Lehrern jetzt, ein Jahr nach dem Abitur, schon war! Er war nicht mehr Schüler, sondern ein junger Mann, und Andrea fragte sich, wie Lisa sich wohl in einem Jahr verhalten würde. Wann wird ein Mädchen zur Frau? Und woran macht man das fest? Und wenn die eigene Tochter schon eine Frau war, was war Andrea dann?
„Was lächelst du so versonnen in dich hinein?“, fragte Thomas sie.
„Ach, mir wird nur gerade klar, wie alt wir selbst schon sind, jetzt, wo unsere Kinder erwachsen sind. Dabei fühle ich mich selbst innerlich eigentlich nicht richtig ausgewachsen, so als hätte mein Leben noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht.“
Thomas legte ihr den Arm um die Schultern.
„Und du siehst auch gar nicht alt aus. Immer noch mein hübsches, sportliches Mädchen.“ Er strich ihr sanft über den kurzen, blonden Schopf. „Aber es ist schon merkwürdig, wenn die Kinder flügge sind. Weißt du was? Jetzt beginnt unsere schönste Zeit, du wirst sehen! Wenn wir uns nicht mehr so viel um die