KAPITEL EINS
LILIANA
FÜNFZEHN MONATE VORHER
Die ersten frühlingshaften Tage brechen über die Stadt hinein, und von meinem Balkon aus kann ich die in frischem Grün sprießenden Knospen in unserem Park erkennen. Es poltert an meiner Tür, und eigentlich muss sie gar nicht rein-kommen, damit ich weiß, dass es Emilia ist. Irgendwann erkennt man seine Mitmenschen auch an ihrer Art zu klopfen. Seine nervigen Geschwister aber ganz besonders.
„Bist du soweit?“ Sie ist immer ein bisschen verträumt. Emilia ist keines dieser Mädchen ohne Tiefgang, auch wenn sie auf den ersten Blick so wirken mag. Sie ist alles andere als oberflächlich.
„Klar.“ Ich folge ihr in den Flur und nicke Romeo zu, der mir als Bodyguard zugeteilt wurde, und begrüße außerdem Antonio, der auf Emilia aufpasst. Seit dem letzten Sommer hat jede von uns einen eigenen Leibwächter.
„Ekaterina wartet schon unten.“ Wir treffen uns heute mit unserer bis vor wenigen Wochen totgeglaubten Schwägerin, die zusammen mit Giulio in Russland war, um Jaroslaw Wasilijew umzulegen. Außerdem hat Ekaterina auch ihre klei-ne Schwester Oksana und ihre Freundin Keela eingeladen. Ein richtiger Mädelstag – genau das, was wir jetzt alle brauchen, sagt Ekaterina, die es ja wissen muss, denn niemand ist hier wirklich so sehr Mädchen wie Ekaterina.
Eine Dreiviertelstunde später liege ich auf einer Massage-liege und presse mein Gesicht durch die Aussparung. Irgend-jemand hier kam auf die glorreiche Idee, einen Teller mit stark duftendem Potpourri darunter zu stellen. Leider stinkt das Zeug so erbärmlich, dass ich die Massage kaum genießen kann.
„Das tut so gut“, stöhnt Ekaterina. Wir haben über Jahre dieselbe Schule besucht und hatten bis auf wenige Ausnahmen all unsere Kurse zusammen. Dennoch habe ich mich erst richtig mit ihr angefreundet, als ich auf ihrer Geburtstagsfeier im letzten Jahr vergewaltigt wurde. Nachdem mir beigebracht wurde, was mit mir geschehen war, hatte Giulio ihr aufge-tragen, mir zu helfen, und irgendwie hat uns das zusammen-geschweißt. Dass Ekat und Giulio einige Wochen später ge-heiratet haben und sie dann bei uns eingezogen ist, hat die Freundschaft nur noch mehr gefördert. Und seitdem ich mit Ekaterina befreundet bin, bin ich auch mit Oksana befreundet. Und mit Keela. Also mit allen, mit denen ich vorher nicht wirklich etwas zu tun haben wollte. Lustig. Nun liegen wir hier, aneinandergereiht wie die Hühner auf der Stange und lassen uns von kleinen zierlichen Asiatinnen, von denen ver-mutlich drei zusammen so viel wiegen wie ich allein, durch-kneten und von schlechtem Duft-Potpourri die Sinne ver-nebeln.
„Gott.“ Keela seufzt wohlig. „Das ist so perfekt.“
„Es ist langweilig“, stellt Oksana genervt fest. Oksana ist das, was ich eigentlich immer von Ekaterina dachte, bevor ich sie dann wirklich kennenlernte. Sie ist ein kleines, verwöhntes Mafiamädchen. Zu allem Überfluss hat sie aber etwas Grips im Schädel, und ich befürchte, sie wird nach und nach immer besser lernen, die ihr von Natur aus mitgegebenen Attribute richtig einzusetzen.
„Oksana“, zischt Ekaterina ihr ermahnend zu, die darauf schnaubt, aber ihren Mund hält.
Neben dem Potpourritellerchen erscheint ein Paar gut manikürte kleine Füße in pinken Glitzerpantoletten. Was ist das? Schuhgröße dreiundzwanzig?
„Ich werde jetzt mit den Füßen und Knien weitermachen“, warnt mich die Masseurin. „Dazu werde ich auf Sie steigen. Ich wiege dreiundvierzig Kilo, Sie brauchen sich also keine Sorgen machen.“
Dreiundvierzig Kilo. Das rundet man ab, nicht auf. Wenn sie ein paar Tage weniger isst oder krank wird, hat sie eine drei vorne stehen, und das ist doch wirklich krankhaft, selbst für Asiatinnen.
Dreiundvierzig. Kilo.
Gut, sie ist natürlich auch winzig – so winzig wie ihre Füße. Vielleicht ist sie einsvierzig groß.
Ich muss aufpassen, nicht zu lachen. Okay, si