III.
Ich ging also hin, nicht um einen kleinen politischen Anführer zu treffen, sondern einen möglichen Diktator, der »so sicher an die Macht kommen wird, wie ich hier stehe«, wie er einem Zeitungsredakteur einige Tage zuvor erklärt hatte. Einen Mann, der eine Armee besitzt. Einen Mann, der die Straße terrorisiert. Einen Mann, der ein neues, gefährliches, erwachtes Deutschland vorhersagt.
Ich war ein wenig nervös. Ich überlegte, Riechsalz zu nehmen.
Und Hitler verspätete sich. Um eine Stunde. Während ich im oberen Foyer des Hotels Kaiserhof wartete, sah ich ihn vorbeistürmen, auf dem Weg zu seinen Zimmern, von einem Leibwächter begleitet, der fast wie Al Capone aussah. Minuten vergehen. Eine halbe Stunde. Ich gehe hinüber in das Zimmer des Pressechefs: Ernst Hanfstaengl, Sohn der Dame aus Murnau, Harvard-Absolvent, bei seinen Kommilitonen berühmt für sein Klavierspiel und seine Marotten. Penibel. Amüsant. Die merkwürdigste Wahl für den Pressechef eines Diktators, die man sich vorstellen konnte.
Ich wartete in Dr. Hanfstaengls Zimmer. Ein italienischer Journalist war vor mir dran. Kein Wunder. Hitler, der die Macht ergreifen will, hat schon ein außenpolitisches Ziel: eine Deutsch-Englisch-Italienische Allianz zu bilden, um die französische Vormacht auf dem Kontinent zu brechen. Ich warte. Amerika ist nur ein Kreditgeber, eine der schwächsten Positionen, in der sich eine Nation in der heutigen Welt befinden kann.
Als ich schließlich Adolf Hitlers Salon im Hotel Kaiserhof betrat, war ich der festen Überzeugung, dem künftigen Diktator von Deutschland zu begegnen. Keine fünfzig Sekunden später war ich mir ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall war.
Es brauchte nur ungefähr diese Zeit, um die verblüffende Bedeutungslosigkeit dieses Mannes zu ermessen, der die Welt in Atem hielt.
Er ist formlos, fast gesichtslos, ein Mann, dessen Miene einer Karikatur gleicht, ein Mann, dessen Körperbau knorpelig wirkt, ohne Knochen. Er ist belanglos und redselig, von schlechter Haltung und unsicher. Er ist die Verkörperung des kleinen Mannes.
Eine Strähne von schütterem Haar fällt über eine unbedeutende, leicht fliehende Stirn. Der Hinterkopf ist flach. Das Gesicht ist an den Backenknochen breit. Die Nase ist groß, aber unschön geformt und ohne Ausdruck. Seine Bewegungen sind linkisch, fast würdelos und äußerst unkriegerisch. In seinem Gesicht findet sich keine Spur von innerem Konflikt oder von Selbstdisziplin.
Dabei ist er nicht ohne einen gewissen Charme. Aber es ist der weiche, fast feminine Charme des Österreichers! Wenn er spricht, tut er dies mit einem breiten österreichischen Dialekt.
Nur die Augen sind bemerkenswert. Dunkelgrau und hervorquellend - sie haben diesen eigentümlichen Glanz, der oft bei Genies, Alkoholikern und Hysterikern auftritt.
Er hat etwas verblüffend Geziertes an sich. Ich wette, er krümmt seinen kleinen Finger, wenn er eine Tasse Tee trinkt.
Sein Gesicht ist das eines Schauspielers. Imstande, sich nach Belieben aufzublähen oder einzuziehen, auszudehnen oder zurückzunehmen, um einschlägige Gefühle auszudrücken.
Als ich ihn sah, dachte ich an andere deutsche Gesichter.
Der Präsident, von Hindenburg. Ein Gesicht, wie aus Stein gemeißelt. Darin keine Phantasie; kein Licht; kein Humor. Nicht gerade ein ansprechendes Gesicht. Aber eines, das den Charakter so klar offenlegt, als solle es das Schicksal seines Besitzers bestimmen.
Kanzler Brüning. Der Kopf eines hohen Staatsmanns aus dem 18. Jahrhundert. Eine empfindliche Nase mit hohem Rücken. Ein fein geschnittener Mund. Das konvexe Profil der Hartnäckigkeit. Spöttisch, klug, humorvoll. Ein Mann, der nie aufgeben wird. Etwas zu sensibel, vielleicht. Ablehnung erträgt er schlecht.
Ich stellte mir den Mann vor, den ich da vor mir hatte, wie er unter Gleichen zwischen Hindenburg und Brüning saß, und musste unwillkürlich lächeln. Oh, Adolf! Adolf! Dein Glück wird ein Ende haben!
Andere deutsche Gesichter tauchten vor meinem inneren Auge auf, während ich mit Hitler sprach. Der kürzlich verstorbene Gustav Stresemann. Ein fröhlicher, weiser Geist in einer dicken Maske aus Fleisch. Feine Hände und Augen, die scharfe kleine Verstandesfunken versprühten. Die Wissenschaftler - Planck, der Quantentheoretiker, lebendig und klar wie das Feuer. Einstein, wie ein großes, schrecklich begabtes Kind.
Die Schriftsteller : Hauptmann, mit seinem hohen Schädel und dem feinen Haarflaum; Thomas Mann, mit müden, vorausschauenden Augen; Wassermann, der ein bisschen wie ein jüdischer Shakespeare aussieht; Feuchtwanger, wie eine Maske für den Geist der Komödie; die Jüngeren - Remarque (sein nordisches Aussehen könnte Ihnen helfen, Herr Hitler), Zuckmayer, beständig wie das Rheinland, Leonhard Frank, sensibel, sanft -
Während ich Hitler betrachtete, sah ich ein ganzes Panorama deutscher Gesichter; Männer, die dieser Mann zu beherrschen gedenkt. Und ich dachte: Herr Hitler, Sie könnten bei den nächsten Wahlen die fünfzehn Millionen Stimmen erhalten, die Sie erwarten.
Doch fünfzehn Millionen DeutscheKÖNNENirren.
Das Interview gestaltete sich schwierig, denn man kann mit Adolf Hitler kein Gespräch führen. Er redet die ganze Zeit so, als wäre er auf einer Massenveranstaltung. Im persönlichen Umgang ist er schüchtern, fast peinlich berührt. In jeder Frage sucht er nach einem Motiv, zu dem er loslegen kann. Sein Blick fixiert dann eine ferne Zimmerecke ; ein hysterischer Unterton schleicht sich in seine Stimme, die er bisweilen fast zu einem Schreien steigert. Er vermittelt den Eindruck eines Mannes in Trance. Er schlägt auf den Tisch.
»Noch ist nicht die gesamte Arbeiterklasse auf unserer Seite... wir brauchen eine