Bücherjagd
Das war eine verdammt erfolgreiche Jagd gewesen. Jelto kauerte eng an dem Kamin auf dem Dach der mehrstöckigen Villa und gähnte herzhaft. Die Luft war kühl und frisch. Über ihm verwandelte die Morgendämmerung den Nachthimmel und verkündete einen neuen Tag.
Hier, im Nobelviertel Brücks nördlich der Altstadt, schmiegten sich die Villen der Kaufleute an den Hang. Manch ein Haus war so groß wie eine ganze Webmanufaktur, und Jelto begriff nicht, wofür eine einzige Familie so viele Zimmer benötigte. Gut, in der ein oder anderen Villa gab es im Erdgeschoss kleine, edle Werkstätten oder ein Kontor für die Verwaltung. Aber die Stockwerke darüber waren immer noch so groß, dass Jeltos Mansardenwohnung mehrmals hineingepasst hätte. Jedes Mal, wenn er in ein solches Haus einbrach, staunte er über so viel sinnlosen Platz.
Das Gute daran, in diesem Viertel unterwegs zu sein, war die Aussicht darauf, von einem der Dächer den Sonnenaufgang zu genießen. Von hier oben hatte er einen grandiosen Blick nach Süden über die Meeresbucht mit dem Hafen und den beiden Leuchttürmen sowie auf die östlich liegende Burg, hinter der es bereits orangerötlich schimmerte. Lange Wolkenbänke tauchten den Himmel in alle Schattierungen von Blau und Grau. Der Fluss Rintje, an dessen Mündung die Stadt lag, war von hier aus nur als dunkler Einschnitt in der Landschaft zu erkennen. Jenseits davon breiteten sich die Flachsfelder bis zum Horizont aus. Bodennebel lag wie ein zarter Schleier über den goldbraunen Halmen.
Zitternd pustete sich Jelto Atemluft in die klammen Hände. Es war erst Frühsommer, und so manche Nacht noch empfindlich kühl.
Er schaute kurz in den Himmel und verspürte einen Stich in der Brust. Im Geiste sah er Linga dort flattern. Doch das Taschendrachenweibchen begleitete ihn nicht länger. Ihr Verlust schmerzte immer noch, auch nach mehr als zwei Wochen.
»Hey da! Was hast du da oben zu suchen?«
Jelto fuhr zusammen. Die Stimme tönte von der Straße herauf. Vorsichtig reckte er den Kopf, um aus dem Schatten seiner Kapuze nach unten zu spähen.
Zwei Männer in den dunkelblauen Uniformen der Nachtwache blickten in seine Richtung. Die sollten doch um diese Zeit gar nicht mehr unterwegs sein?
»Solche übereifrigen Kanalratten haben mir gerade noch gefehlt«, murmelte er wütend.
Mehr aus Reflex als aus der Überzeugung heraus, dass sie ihn dann weniger gut erkennen konnten, schmiegte er sich an den Kamin. Er musste zusehen, dass er von hier wegkam. Hoffentlich waren unten auf der Straße nicht noch mehr von der Sorte.
Rasch hob er den Rucksack auf, der ein ordentliches Gewicht hatte, und das nicht nur wegen seiner Stiefel, die er mit den Schnürriemen daran geknotet hatte. Hauptsächlich lag es an den sechs Büchern, die er heute Nacht aus den umliegenden Häusern und Wohnungen geholt hatte, darunter eines der seltenen magischen Exemplare. Eine fette Ausbeute, wenn er bedachte, dass es eigentlich schon lange keine Bücher mehr geben dürfte – offiziell existierten sie nicht mehr. Offiziell existierten auch Bücherjäger wie Jelto nicht.
Die beiden Nachtwächter riefen erneut etwas, er sah jedoch keinen Sinn darin, sich mit ihnen zu unterhalten, schon gar nicht über die Entfernung von vier Stockwerken.
Dank seiner eng anliegenden Überzieher aus weichem Schafsleder, die er selbst genäht hatte, bewegte er sich beinahe lautlos. Er kletterte im Schutz des Kamins hinauf bis auf den First und rutschte auf der Gartenseite des Hauses über die Dachziegel hinab. Nur hin und wieder klickerte es unter ihm, aber das würden die beiden Wachen auf der Straße