II. Kapitel
Anno Domini 1188 bis 1192
Von den Wänden des Skriptoriums hallte Gemurmel. Unfassbar deuchte die Kopistinnen Mechthilds Vorwurf – unfassbar und auch ein wenig furchterregend. Konnte man von dem frechen, vorlauten Mädchen tatsächlich glauben, es stünde mit dem Teufel im Bunde und hätte von jenem eine außergewöhnliche Gabe geschenkt bekommen? War es denn nicht schon früher aufgefallen, weil es alles schneller lernte: das Schreiben und Lesen, das Lateinische und Griechische, die Schriften der heidnischen Philosophen und der Kirchenlehrer?
Bis auf den Tag, da sie beim Mittagessen auswendig aus der Vita des heiligen Eligius zitieren konnte, hatte sich Sophia niemals sonderlich damit hervorgetan. Heute freilich hatte sie sich ganz unbescheiden in den Vordergrund gespielt, das Gebot missachtend, wonach vor allem die Jüngeren unter ihnen nur sprechen durften, wenn sie ausdrücklich gefragt wurden. War das bereits Teufelswerk?
Als der Pater Immediatus die Hand hob, erstarb das Gemurmel, doch die Stille war hungrig wie Mechthild. Fordernd verlangte sie nach einem Wort der Klärung oder der endgültigen Verurteilung.
Sophia dachte gar nicht daran, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, wonach sie mit dem Teufel im Bund stünde. Sie wähnte sich des Schutzes sicher, den ihr der Pater Immediatus gegen die lästernde Zunge einer Neiderin gewiss gewährte. Bekräftigen würde er, dass ihr ein besonderer Platz im Skriptorium zustünde und dass ihr weitläufiger, fruchtbringender Geist nicht nur an dess