Kapitel 1
Minuten zuvor knarrte das Schiff unheilvoll. Wie das verlorene Spielzeug eines Kindes wurde es vom tosenden Sturm umhergeworfen, allein den stürmischen Wellen ausgeliefert, die unbarmherzig gegen den hölzernen Rumpf schlugen. Vanelle beobachtete ihn: Varrick, wie er dann und wann prüfend durch das kleine Sichtfenster in ihren Raum hineinblickte. Sie wusste, dass er ihre einzige Chance in die Freiheit bei sich trug – in Gestalt eines Schlüssels, festgemacht an seiner Taille. Vanelle hatte einen sehr einfachen Plan: Sie würde ein Beiboot finden und fliehen, andernfalls säße sie schon morgen im Anwesen ihrer Familie, gedrängt in eine Rolle, die längst nicht mehr zu ihr passte.
»Hey!«, rief sie lautstark und hoffte, dass einer der Seemänner, vielleicht sogar Varrick selbst, auf sie aufmerksam werden würde. Polternd schlug sie gegen das dicke Holz und hatte Erfolg: Schwerfällige Schritte drangen von draußen an ihr Ohr, nur Sekunden bevor der silberhaarige Mann in ihr Sichtfeld geriet. Sein Anblick schnürte Vanelle die Kehle zu. Die veilchenblauen Augen musterten sie zwar abfällig, glichen Vinricks jedoch exakt.
»Was willst du?«, blaffte er. Vanelle wusste, dass er sie mittlerweile nur noch als Ware betrachtete, die er unglücklicherweise transportieren musste – im Auftrag Luciens, der sie für ein weiteres Theaterhaus eintauschen wollte.
»Ich langweile mich«, sagte sie, weil ihr auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. Varrick schnaubte genervt.
»Warum sollte mich das kümmern? Ruf mich nicht noch mal, ich war gerade am Gewinnen!«
Vanelle dachte fieberhaft nach.Verwickele ihn in ein Gespräch, drängte sie sich selbst, in Ermangelung an Alternativen. »Was spielt ihr?«, fragte sie.
»Kartludo«, entgegnete Varrick argwöhnisch. »Und jetzt halt den Rand und warte, bis wir Oceanshare erreicht haben. Es dauert nur noch ein paar Stunden.« Vanelle kannte das Spiel: Es basierte auf Kartenpaaren, die man finden musste. Einige auf dem Tisch, die Übrigen in den Händen der Spielenden. Hauptsächlich bestimmte die Erinnerung und etwas Glück, ob man die Partie für sich entschied. Als Kind hatte sie es häufig mit Spinell gespielt.
»Ich könnte mitmachen!«, schlug sie deshalb spontan vor. Varrick lachte hämisch auf.
»Hältst du mich für so töricht? Du bist eine Gefangene!« Die Belustigung zeichnete Fältchen um seine Mundwinkel – und der Anblick seiner vertrauten Züge, des silbernen Haares und der treuen Augen versetzte Vanelle einen Stich. Äußerlich glich er Vinrick vollkommen, teilte aber nicht die sanfte Natur seines Bruders. Und das brachte sie auf eine Idee.
»Wie war Vinrick so?«, fragte sie. »Während eurer Kindheit, meine ich?« Varrick verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, obgleich der leise Glanz von Interesse diese erhellte.
»Warum willst du das wissen?«
»Du erinnerst mich an ihn. Und er fehlt mir.« Zumindest das entsprach der Wahrheit. Ihr Gegenüber neigte den Kopf hin und her, wohl innerlich abwägend, dann zuckte er mit den Schultern.
»Wir waren uns nie besonders ähnlich, Vinrick und ich. Er ist der jüngere Zwilling, nur kurz nach mir geboren, zumindest hat man das im Waisenhaus behauptet. Ich war schon immer viel stärker als er. Stets wollte ich mit dem Kopf durch die Wand, Vinrick hingegen bevorzugte friedliche Lösungen. Ein paar Mal hat mir das den Arsch gerettet. Na ja, eigentlich der ganzen Gruppe.« Va