1. KAPITEL
„Felicity!“
Die Stimme des dunkelhaarigen, aristokratisch wirkenden Mannes, der aus einer geschätzten Höhe von einem Meter neunzig auf Felicity herabschaute, klang völlig emotionslos. Eine freundliche Begrüßung klang anders. Doch auch ohne die Missbilligung und den deutlichen Widerwillen, der sich auf seinem Gesicht spiegelte, hätte Felicity gewusst, dass Vidal y Salvadores, Herzog von Fuentualba, es niemals gutheißen würde, dass sie es wagte, ihren Fuß auf den Boden seiner Heimat zu setzen. Dass es gewissermaßen auchihre Heimat war, schien dabei nebensächlich.
Für die Reise nach Spanien hatte sie ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, ein Entschluss, der sie viele schlaflose Nächte gekostet hatte. Aber das würde Vidal natürlich nie erfahren.
Ihr Magen rebellierte, ihr Herz hämmerte, ihr Puls raste. Nicht schon wieder daran denken! Nicht ausgerechnet jetzt, wo sie ihre ganze Kraft brauchte. Weil sie wusste, dass diese Kraft dahinschwinden würde wie Tau in der heißen andalusischen Morgensonne, wenn sie diesen zutiefst beschämenden Erinnerungen freien Lauf ließe.
Plötzlich erschien es Felicity, als ob sie sich noch nie in ihrem ganzen Leben mehr nach der tröstlichen Liebe ihrer Mutter – oder wenigstens nach der aufmunternden Gesellschaft ihrer drei besten Freundinnen – gesehnt hätte. Aber sie war allein. Obwohl ihre Freundinnen zum Glück nicht tot waren wie ihre Mutter, lebten sie doch aus beruflichen Gründen über die ganze Welt verstreut. Nur Felicity selbst war in ihrer Heimatstadt in England geblieben, wo sie als stellvertretende Geschäftsführerin eines großen Touristikunternehmens arbeitete, eine verantwortungsvolle, fordernde Aufgabe.
Und so arbeitsintensiv und kräftezehrend, dass ihr keine Zeit für die Liebe blieb?
Darüber nachzudenken war ungefähr so, wie in einem schmerzenden Zahn herumzubohren. Da war es immer noch besser, sich zu fragen, warum sie die vielen Überstunden, die sie im Lauf des Jahres angesammelt hatte, für die Reise nach Spanien nutzte, obwohl ihre Anwesenheit bei der Testamentseröffnung gar nicht erforderlich war. Und Vidal passte es sowieso nicht, dass sie gekommen war.
Vidal.
Wenn sie bloß vor ihrer eigenen Vergangenheit davonlaufen könnte. Wenn sie bloß nicht durch eine unauslöschliche Scham an ihre Vergangenheit gekettet wäre. Wenn sie bloß … Es gab so viele Wenn-Danns in ihrem Leben – viel zu viele – und die meisten hatte sie Vidal zu verdanken.
Als er durch die Menschenmenge, die sich in der heißen Ankunftshalle des Flughafens staute, noch einen Schritt auf sie zu machte, erstarrte sie. Sie fühlte sich wie gelähmt, und ihr Kopf war so leer, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Es war sieben Jahre her, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, trotzdem hatte sie ihn auf Anhieb wiedererkannt. Etwas anderes wäre auch undenkbar gewesen, weil sich seine Gesichtszüge unauslöschlich in ihr Gehirn eingebrannt hatten, ganz zu schweigen von ihrer Seele. So tief und schmerzhaft, dass die Wunden bis heute nicht verheilt waren.
Hör sofort auf, ermahnte sich Felicity. Vidal hatte längst keine Macht mehr über sie, nicht die geringste. Um sich das zu beweisen, war sie schließlich gekommen.
„Es wäre nicht nötig gewesen mich abzuholen“, sagte sie, wobei sie sich zwang, ihm in die Augen zu sehen. In diese topasfarbenen Augen, die damals ihren Stolz und ihre Würde in Fetzen gerissen hatten.
Wieder krampfte sich ihr der Magen schmerzhaft zusammen, während sie beobachtete, wie sich sein fast zu schönes aristokratisches Gesicht hochmütig anspannte. Im Licht der gleißenden Spätnachmittagssonne schaute er mit verächtlich verzogenen Mundwinkeln auf sie herunter. Da Felicity nur knapp ein Meter sechzig war, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um seinem Blick zu begegnen.
Sie fühlte sich ausgelaugt von der Reise, und es war so heiß, dass sie gern ihr schulterlanges Haar im Nacken angehoben hätte, um sich etwas Kühlung zu verschaffen, aber sie ließ es lieber. Obwohl sie bereits zu spüren meinte, dass sich die sorgfältig arrangierten Strähnen, die ihr Gesicht umspielten, zu kräuseln begannen. Soviel zu ihren zeitraubenden Anstrengungen, makellos elegant zu erscheinen. Felicity bevorzugte einen lässigen Kleidungsstil und trug ausgewaschene Jeans, die sie mit einem legeren weißen Baumwolltop kombiniert hatte. Ihr leichtes sportliches Sakko, das sie beim Abflug angehabt hatte, befand sich jetzt in ihrer großen Umhängetasche aus Leder.
Vidal runzelte gereizt die Stirn, als er spürte, dass sein Blick unweigerlich von der windzerzausten Sinnlichkeit ihres weizenblonden Haars angezogen wurde. Weil es ihn sofort wieder an diese empörende Begebenheit vor sieben Jahren erinnerte. Damals hatte sie sich, rücklings im Schlafzimmer ihrer Mutter auf deren Bett liegend, mit einem Jüngling vergnügt, als Vidal und ihre Mutter unvermutet hereingeplatzt waren.
Wütend riss Vidal seinen Blick los. Was wollte sie hier? Sie war unerwünscht. Hatte sie das immer noch nicht begriffen? Mit ihren inakzeptablen Moralvorstellungen verstieß sie gegen alles, was ihm heilig war. Oder etwa nicht?
Die Szene, deren unfreiwilliger Zeuge er damals geworden war – eine Sechzehnjährige, die schamlos ihre Sinnlichkeit zur Schau gestellt hatte –, hätte ihn eigentlich abstoßen müssen. Und das war natürlich auch so gewesen, nur dass ihn gleichzeitig dieser messerscharfe Blitz der Begierde getroffen hatte, der ihn zutiefst in seinem Stolz verletzt hatte. Das war eine schmerzhafte Niederlage gewesen.
Zugegeben, sie war ihm damals unter die Haut gegangen, aber er durfte nicht zulassen, dass sie sich wieder in sein Herz stahl.
Ic