Vorwort
von Tatjana Kiel
Heroiam slava! Ruhm der Helden!
Die Szene spielt am 23. Februar 2023 in Moskau im Luschniki-Stadion. Dort findet ein »patriotisches Konzert« statt, um die russischen Soldaten zu ehren, die in der Ukraine im Einsatz sind. Plötzlich erscheint eine Gruppe von Kindern auf der Bühne, die von einem Soldaten begleitet werden. Das Mädchen, das das Mikrofon ergreift, wird als Anna Naumienko vorgestellt.
»Danke, Onkel Juri, dass du mich und meine Schwester aus Mariupol gerettet hast, wie Hunderttausende andere Kinder auch … Ich habe ein wenig vergessen …«
Das Mädchen scheint ihren Text nicht mehr zu wissen. Die Moderatorin versucht, das Ruder wieder in die Hand zu nehmen: »Komm, kleine Anna, hab keine Angst. Du kannst zu ihm gehen und ihn in den Arm nehmen.«
Die Kinder umkreisen daraufhin »Onkel Juri« (sic), ihren vorgeblichen Retter.
Diese Szene ist ein perfektes Beispiel für das Narrativ, das das russische Regime zu verbreiten versucht. Das Tragische verbindet sich in dieser Szene mit dem Absurden. Russland hält ukrainische Kinder nicht nur für Kriegsbeute, sondern macht sie auch zum Spielball seiner Propaganda.
Alles an dieser Szene ist falsch. Selbst der Name des Mädchens. Dies ist eine gängige Praxis der Behörden, die durch einen Präsidialerlass (Ukas) am 30. Mai 2022 eingeleitet wurde, um das Adoptionsverfahren für ukrainische Kinder zu beschleunigen und auf eine Dauer von 24 Stunden zu verkürzen. Auch das Wort »Adoption« wird missbraucht: Es handelt sich schlicht und einfach um Entführung. Der Erlass erlaubt es, das Geburtsdatum, den Geburtsort und den Namen des jeweiligen Kindes zu ändern. Das Ziel ist klar: Es soll ukrainischen Eltern unmöglich gemacht werden, ihre Kinder zu identifizieren und am Ende wiederzufinden.
Russland will nicht nur die familiäre Vergangenheit dieser Kinder auslöschen, sondern auch ihre nationale Vergangenheit, sie wollen sie russifizieren und ihnen die russische Sprache und Kultur beibringen. Es gibt unzählige Zeugenaussagen, die von den langen Stunden berichten, in denen die Kinder in den Internierungslagern russische Propagandafilme ansehen mussten. Eine echte Gehirnwäsche. Filme über die »Schönheit« Moskaus und manchmal sogar Filme über den »Großen Vaterländischen Krieg«. Kindern, die Bombenangriffe erlebt haben, Kriegsfilme zu zeigen, war ein gewagtes Unterfangen. Russland hat es getan. Russland erkennt keine staatlichen Grenzen an und Russland hat keine moralischen Grenzen.
Dieser von Russland am 22. Februar 2022 ausgelöste Krieg schockierte die Welt und ließ Europa erstarren. Ich habe diesen Tag wie einen 11. September erlebt. Ich kann mich noch genau an jedes Detail dieses Tages erinnern: Mein Herz wog plötzlich tonnenschwer, alles war in Zeitlupe und kalter Schweiß rann mir unaufhörlich den Rücken hinunter. An diesem Tag brach der Krieg vor unserer Haustür aus, nicht in unserem Land, aber bei uns, in Europa. Für mich ist Krieg die Niederlage der menschlichen Zivilisation. Ein Anachronismus. Eine Abscheulichkeit. Mein Land Deutschland hat sich um die Idee des Pazifismus herum wieder aufgebaut. Und zu sehen, wie die Raketen den Himmel füllen, wie sich die Panzer vor den Toren Kyivs stauen, all das ist für mich ein Albtraum im Wachzustand, der am Donnerstag, dem 24. Februar 2022, begann. Ein Albtraum, der bis heute anhält.
Wladimir hatte bereits im Dezember davor beschlossen, zu seinem Bruder Vitali zu ziehen. »Ich kann nicht anders.« Natürlich hätte er auch in Deutschland oder den Vereinigten Staaten bleiben können. Es wäre für beide einfach gewesen, zu fliehen, doch das war keine Option, nicht mal ein Gedanke. Sich der Situation zu stellen, war die logische Konsequenz. Diese Kraft, dieser Mut, diese Haltung haben mir gezeigt, wie wichtig die innere Überzeugung im Leben ist. Ich kenne die beiden Brüder seit 17 Jahr