: Magnus Dellwig
: Im 21. Jahrhundert 2055: Russland (Band3)
: neobooks Self-Publishing
: 9783754995839
: Im 21. Jahrhundert
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 450
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Band 3: 2055: Russland 2055. Ludwig Fischer gerät verletzt in russische Gefangenschaft. Um diese geheim zu halten und ihn zu isolieren, kommt er in Russlands größtes, geheimes Lager für politische Gefangene im nordwestsibirischen Seriotogorsk. Über Vier-Augen-Gespräche mit Kommandant Mansukow erreicht er die Bildung einer Gefangenenvertretung und einer Lagerzeitung. Die Häftlinge wählen Fischer zum Vorsitzenden des Gefangenen-Rates. Als Chefredakteur der Istwestja Sibiria für die Häftlinge initiiert Fischer die Untergrundzeitung Istwestja Nowa, die über das Internet in Russland und weltweit verbreitet wird. Unter dem Pseudonym 'Alexander Puschkin' wird Fischer der Führer der russischen Opposition. Silvester wird die Zeitung spektakulär enttarnt. Fischer nutzt das für einen öffentlichen Aufruf an Präsident Semjonow, Waffenstillstandsgespräche zu führen.

Magnus Dellwig, Dr. phil., Historiker und Sozialwissenschaftler, Jg. 1965, Leiter des Stadtarchivs Oberhausen, Veröffentlichugen zur Geschichte und zum Strukturwandel Oberhausens und des Ruhrgebiets, Veröffentlichung von historisch-politischen Romanen: 1989 Führergeburtstag (2007), Die China-Krise (2010), Ost und West (2014), 1918 Wilhelm und Wilson (2017), Im 21. Jahrhundert (2023, Romanepos in 4 Bänden)

Sibirien



Als ich am Mittag des 30. Dezember erneut im Schukow-Klinikum eintraf, wartete eine Überraschung auf mich. Die kleine Kolonne aus drei Fahrzeugen steuerte nicht jenen mit einer Sichtschleuse ausgestatteten Nebeneingang des Hauptgebäudes an, der für Rettungsfahrzeuge ausgelegt war, und über welchen ich das Klinikum am Morgen auch anonym verlassen hatte. Stattdessen fuhren wir weit auf das Gelände. Am Rande einer großen Wiese stand ein kleines Gästehaus. Dieses wurde für den Jahreswechsel mein neues Domizil. Zwei Militärpolizisten und ein Pfleger leisteten mir Gesellschaft. Diese Bewachung empfand ich als etwas spärlich, beinahe schon als Beleidigung. Einen Gefangenen, dem man Verschlagenheit und ein hohes kriminelles Potenzial für einen Ausbruch zugetraut hätte, der wäre wohl von einer kleinen Privatarmee bewacht worden. Wie peinlich hätte es sich schließlich dargestellt, falls ich in den nächsten Tagen beim Flanieren über den Lenin-Prospekt von einem Handy gefilmt und der Spot darauf in YouTube eingestellt worden wäre? Nun gut, meine Gesundheit lud noch keineswegs zu Gewaltmärschen ein. Und ich spielte tatsächlich nur für einen einzigen gedanklichen Moment mit der Flucht. Dann wischte ich die Idee als absurd und völlig aussichtslos bei Seite. Des Russischen nicht mächtig, in meiner körperlichen Konstitution noch spürbar eingeschränkt machte ich mir klar, dass die sicher weit überwiegende Mehrheit der Russen mir im Falle einer Entdeckung nicht mit Sympathie begegnen werde. Ich galt als verantwortlich für zehntausende russischer Toter und Vermisster. Statt Hilfe beim Untertauchen durfte ich wohl eher Prügel und Lynchjustiz erwarten. Kaum würden mir die Durchschnittsrussen so begegnen wie etwa Frau Doktor Wjanelina.


Wo wir schon dabei sind. Ludmilla Wjanelina stattete mir am Vormittag des 31. Dezember einen kurzen Besuch ab. Dieser war getarnt als reguläre Visite. Doch die Chefärztin nahm sich die Zeit und nahm mit mir am Tisch bei einer Tasse heißen schwarzen Tees Platz.

„Mit ihrer Gesundheit bin ich sehr zufrieden, Herr General Fischer.

Wenn wir bedenken, wie viel Blut sie verloren haben und wie lange ich sie operieren musste, dann kommen sie wieder sehr schnell zu Kräften. Und da andere Ärzte das natürlich nicht anders beurteilen, stand ihrer Verlegung von meiner kleinen, in vertrauliche Karantäne gehüllten Intensivstation nichts mehr im Wege.“

In Wjanelinas Mundwinkeln las ich eine Spur des Bedauerns.

„Diese an sich sehr erfreuliche Mitteilung von meiner leitenden und sehr fürsorglichen Ärztin bringt jedoch mindestens zwei Kollateralschäden mit sich, nicht wahr, Frau Doktor Wjanelina?“

Die Chirurgin stutzte. Dann lächelte sie vermeintlich unwissend.

„Verraten sie mir bitte, was sie damit meinen, Herr General.“

„Also, zum ersten werde ich mich hier nicht mehr der gleichen, ständigen Aufmerksamkeit durch sie erfreuen dürfen wie bisher. Das bedauere ich außerordentlich. Hier im Klinikum sind sie zu so etwas wie meiner Vertrauten geworden. Und ich mag sie, Frau Doktor.“

Ludmilla Wjanelina wurde kurz rot. Sie sah weg und hüstelte. Dann hatte sie sich wieder gefangen und blickte mich erneut freundlich und ausgeglichen an.

„Und zum zweiten wird mein kleiner Umzug in diese schnuckelige Datscha mit Gewissheit sehr bald den nächsten Umzug nach sich ziehe