1.
Meine Familie heilender Hexen
Also, es ist so.
In zwei Tagen findet die Initiationszeremonie meiner Schwester statt. Noch zweimal schlafen, dann wird Hattie 13 und muss vor den Mitgliedern der magischen Clans von Los Angeles beweisen, dass sie das Zeug hat, eine Hexe zu werden. Eine heilende Hexe. Eineechte Gom.
Und sie wird das natürlich rocken. Ich meine, sie ist von Geburt an dazu bestimmt. Sie hat die heilende Magie im Blut, genau wie unsere Eltern, denn wir aus dem Gom-Clan sind Nachkommen der Höhlenbär-Göttin – der Schutzgöttin des Dienstes und der Opferbereitschaft.
Na ja, alle außer mir.
Seufz. Jepp. Mein 13. Geburtstag ist in einem Monat, aber anders als meine Eomma (das ist meine Mom), mein Appa (das ist mein Dad) oder meine Schwester bin ich ein ganz normaler, nicht magisch begabter Mensch ohne den kleinsten Funken Magie. Ich bin eine Saram.
Ich bin adoptiert. Und versteht mich nicht falsch: Meine Eltern geben sich tierisch viel Mühe, damit ich mich wie ein Teil der magischen Gemeinschaft fühle. Dafür liebe ich sie auch. Aber je mehr sie sich bemühen, desto deutlicher wird mir, was für eine Außenseiterin ich bin. Die Wahrheit ist nun mal: Ich binanders.
Deswegen sitze ich jetzt hier, an der Rezeption der Praxis für traditionelle koreanische Medizin, die meine Eltern betreiben, und sterbe innerlich vor Langeweile. Und während ich staubtrockene Daten eingebe, übt meine Schwester nebenan Heilzauber.
Die Glöckchen über der Eingangstür bimmeln, und ich setze mich ruckartig auf, als ein alter, dunkelhaariger Mann hereingehinkt kommt. Seinem Aussehen nach könnte er Koreaner sein, aber ich habe ihn noch nie im Tempel gesehen.
»Willkommen in der Praxis!«, sage ich. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Guten Morgen«, erwidert er und verzieht leicht das Gesicht, während er auf wackligen Beinen auf mich zuhumpelt. »Mein Name ist Robert Choi. Ich bin gerade erst aus New York hergezogen, und mir wurde empfohlen, mich an James oder Eunha Oh zu wenden. Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht.«
Er reibt seine Handgelenke aneinander, sodass das Wasser in seinem Gi – dem zylindrischen Glasanhänger an seinem Armband – sachte hin und her schwappt. Auf seinem rechten Handgelenk erscheint ein grünlich leuchtendes Symbol aus zwei Sonnen und zwei Monden.
Aha, er ist also ein Tokki – ein Aromatiker. Das Symbol, das jedes Mal erscheint, wenn Magie benutzt wird, ist bei allen Hexen gleich. Nur die Farbe unterscheidet sich je nach dem, welchem Clan sie angehören. Uns hilft es zu erkennen, welche Patienten magische Fähigkeiten haben und welche nicht. Wenn wir es mit Saram zu tun haben, dürfen sie nämlich auf keinen Fall mitbekommen, dass wir mit Magie heilen. Dafür stellen die Aromatiker spezielle Tränke her, die danach das Gedächtnis auslöschen.
Ich weiß, was ihr jetzt denkt: Warum halten wir so eine abgefahrene Fähigkeit vor der Welt geheim? Tja, Appa sagt, wenn die Saram von der Existenz magischer Clans erfahren würden, würde das unsere Gemeinschaft in große Gefahr bringen. Die Menschen lehnen alles ab, was sie nicht verstehen. Es macht ihnen Angst, und wer Angst hat, reagiert unberechenbar. Was ich irgendwie nachvollziehen kann.
»Da sind Sie hier richtig«, sage ich und lächle freundlich. »James und Eunha sind meine Eltern. Das mit Ihrem Fuß tut mir leid, Mr. Choi. Mein Appa ist gerade mit einem anderen Patienten fertig und hätte