: Antje Wagner
: Unland Lasst die Schatten frei
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419124
: 1
: CHF 13.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 323
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seltsame Dinge geschehen in Waldburgen: Menschen verschwinden und tauchen rätselhaft verändert wieder auf. Franka versteht nicht, warum die Bewohner so beharrlich darüber schweigen. Sie ist erst vor kurzem in das Elbdorf gezogen und rasch wird ihr klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Als sie eine abgesperrte Ruinenlandschaft am Waldrand entdeckt, spürt sie, dass sie etwas Großem auf der Spur ist. Doch je näher sie der Wahrheit kommt, desto mehr gerät ihre Welt ins Kippen ... »Unland« wurde ausgezeichnet mit dem ver.di Literaturpreis.

Antje Wagner wurde 1974 in Wittenberg geboren, ist bekannt für spannungsvolle Romane und Erzählungen für Jugendliche (»Hyde«, »Der Schein«, gemeinsam mit Tania Witte, unter dem Pseudonym Ella Blix). Nach einem Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften in Potsdam und Manchester leitete sie das renommierte Schreibzimmer »Prosa« am Literaturhaus Frankfurt. Wagner erhielt zahlreiche Literaturpreise, u. a. den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar 2019.

 

1. KAPITEL

HAUS EULENRUH

Mir war schlecht.

Der Bus raste eine Obstbaumallee entlang, und vor jeder Kurve drehte der Fahrer den Motor voll auf, dann legte er sich mit dem ganzen Bus in die Kurve. Äste knallten gegen die Fenster. Geistesgegenwärtig ließ ich meine Hand nach vorn schnellen, um meine Reisetasche, die im Gang stand, davon abzuhalten, schon wieder wegzurollen, da warf der Schwung mich schmerzhaft gegen das Busfenster.

Leise fluchend rappelte ich mich auf. Ich rieb mir den Arm, der garantiert schon voller blauer Flecken war. Die Tasche war natürlich weg.

Sie lag am Ende des Gangs. Verkehrt herum. Die anderen Leute im Bus schauten ausdruckslos vor sich hin. Gesichter, die aussahen, als hätte kein Lächeln je Lust gehabt, sich für ein Weilchen dort niederzulassen. Als ich aufstand, um die Tasche zurückzuholen, hangelte ich mich an den Sitzen entlang. Jetzt glotzten mich alle an. Sie wirkten, als ob sie gerade von der Nachtschicht kämen und nur eines wollten: ihre Ruhe.

Als ich schon fast am Ende des Gangs war, schnitt der Fahrer, den offenbar der heftige Wunsch trieb, mal mit seinem Bus bei der Formel 1 mitzumachen, eine neue Kurve. Ich verlor das Gleichgewicht, ruderte wild mit den Armen und rief dabei: »Eieieiah … aaahhh … naaaiih …« Peinlich.

Hätte ich mich nicht gerade noch an einer Stange festhalten und abfangen können, wäre ich einem dieser griesgrämigen Menschen mitten auf den Schoß gestürzt. Ich hievte meine Tasche hoch, schleppte sie zurück zu meinem Platz und wünschte dem Busfahrer die Pest an den Hals.

Dagegen war die Zugfahrt ja himmlisch gewesen. Jedenfalls erschien mir das langsame Gezuckel, das mich noch vor einer halben Stunde genervt hatte, jetzt richtig angenehm.

Nachdem wir Berlin hinter uns gelassen hatten, hatte der Zug an jedem, wirklich jedem Nest auf der Strecke gehalten. Schon die Namen sprachen Bände: Klebitz. Zahna. Bülzig. Zörnigall …

Als wir endlich in Wittenberg eingerollt waren, war ich erleichtert ausgestiegen und hatte mich bis zur richtigen Bushaltestelle durchgefragt.

Der Bus heulte auf. Ich schaute auf die Uhr. Zwei Stunden waren vergangen, seit ich in Berlin losgefahren war. Zwei Stunden, seit das Jugendamt bei Andreas und Vera Kämpf angerufen hatte, dass ich unterwegs sei. Wenn wir nicht vorher noch gegen einen dieser knorrigen Apfelbäume rasten, wofür die Chancen allerdings recht gut standen, müssten wir bald in Waldburgen ankommen.

Waldburgen. Mein neues Zuhause.

Ich nahm den Blick von der Uhr und sah aus dem staubigen Busfenster. Die Apfelallee war zu Ende.

Wir bretterten jetzt eine Kopfsteinpflaster