: Maria Lazar, Albert C. Eibl
: Viermal ICH Ein Roman
: DVB Verlag
: 9783903244276
: 1
: CHF 12.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 268
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Viermal ICH' dreht sich um vier Freundinnen, die so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht, und deren Schicksale dennoch von der Schulzeit bis ins Erwachsenenalter untrennbar miteinander verwoben bleiben. Es geht ums gemeinsame Aufwachsen und die erste Liebe in den gar nicht so goldenen Zwanziger Jahren, aber auch um die dunklen Seiten der Freundschaft, um Selbstbetrug, Verrat und Täuschung - und, davon unberührt, um weibliche Emanzipation, Identitätsfindung und die Suche nach dem großen Glück. Maria Lazars Ende der 1920er Jahre in Wien verfasster Roman galt lange als verschollen und wurde noch nie veröffentlicht. Nun wird er zum 75. Todestag der gefeierten Exilautorin erstmals aus dem Nachlass herausgegeben. 'Mascha Kaleko gleich [...] brilliert Lazar mit Erzählkunst, Detailkenntnis und weiblichem Sarkasmus' - Andrea Seibel, DIE LITERARISCHE WELT 'Maria Lazar kann wirklich erzählen!' - Denis Scheck, SWR LESENSWERT QUARTETT 'Ihr Werk harrt weitgehend noch der Entdeckung...' - Margarete Affenzeller, DER STANDARD

Maria Lazar (1895-1948) entstammte einer jüdisch-großbürgerlichen Wiener Familie. Sie absolvierte das berühmte Mädchengymnasium der Eugenia Schwarzwald, in deren Salon Oskar Kokoschka sie 1916 porträtierte und in dem sie mit zahlreichen prominenten Figuren der damaligen Wiener Kulturszene zusammentraf, darunter Adolf Loos, Hermann Broch und Egon Friedell. Seit den frühen 20er Jahren war sie als Übersetzerin tätig und schrieb für renommierte österreichische, skandinavische und Schweizer Zeitungen. Erst als sie 1930 zum nordischen Pseudonym Esther Grenen greift, stellt sich quasi über Nacht ihr verdienter literarischer Ruhm ein; ein Erfolg, der allerdings durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten ein jähes Ende findet. Aufgrund des repressiven Klimas verlässt sie schon 1933 mit ihrer Tochter Österreich und geht zuerst, gemeinsam mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, ins Exil nach Dänemark. 1939 flüchtet sie nach Schweden und scheidet 1948 nach einer langwierigen, unheilbaren Krankheit freiwillig aus dem Leben. Ihr breitgefächertes und wagemutiges literarisches Oeuvre geriet schon vor 1945 völlig in Vergessenheit.

Am besten ist wohl, wenn ich beginne mit meiner, wie man es so nennt, Lebensgeschichte. Obwohl es da eigentlich gar keine Geschichte gibt. Aber das macht nichts.

Das Wichtigste ist Onkel Max. Dass ich ein blitzblank poliertes Kinderzimmer hatte, ist nebensächlich. Alle Weihnachten gab es Puppen und zu jedem Geburtstag die gewisse Torte. Mama und Papa bekamen regelmäßig ihren Gutenachtkuss. Es wundert mich eigentlich, dass sie Vater und Mutter von mir waren. Jedenfalls habe ich sie nie so genannt. Sie waren da wie das Feuer im Ofen und die Suppe auf dem Tisch.

Mit Onkel Max war das ganz anders. Er kam plötzlich und verschwand plötzlich wieder. Man wusste nie, wie lange er bleiben würde, drei Tage, eine Woche, sechs Monate oder eine halbe Stunde. Manchmal verschwand er auf unendlich lange. Aber dann zitterte doch immer die Aufregung im ganzen Haus: kommt er, kommt er heute Abend oder morgen oder übermorgen oder überhaupt nicht mehr. Alles um ihn herum war so unsicher, so unzuverlässig, so ganz und gar nicht selbstverständlich.

Es ist natürlich ein Unsinn, wenn ich behaupte, dass ich es weiß, aber ich weiß ganz genau, dass er sich einmal, als ich noch ein winziges starrendes Baby war, über mein Bettchen geneigt haben muss. Spät in der Nacht. Und dann sagte er etwas, es muss nichts Besonderes gewesen sein, aber sicher etwas, was niemand erwarten konnte. Wahrscheinlich fand er mich auch sehr hässlich.

Er war ein Sammler von wunderbaren alten Holländern, sollte übrigens selbst einmal gemalt haben. Davon sprach er nicht gerne und das war übrigens noch ehe ich zur Welt kam.

Bea aber muss damals schon ein ziemlich großes Kind gewesen sein. Und er malte sie auch mit einer rosa Gasrüsche um den Hals. Ich habe das Bild allerdings nie zu sehen bekommen.

Bea war sehr schön und sie war eigentlich, wie man das so nennt, die Tochter des Hauses. Ihr Zimmer lag neben dem meinen. Sie besaß eine Schmuckkassette, einen winzigen Schreibtisch mit verbogenen Beinen, und in ihrem Schrank zwischen den Spitzenhöschen steckten immer Briefe und Photographien. Das wusste ich, obwohl ich nie hineingesehen hatte. Sie trug den Schlüssel ständig bei sich. Ich wusste auch, dass ein Mann in Uniform dazu gehörte, ein Mann mit breiten Backenknochen und vorspringender Unterlippe. Ich weiß genau, wie er ausgesehen hat. So einer, der seine Kinder prügelt, wenn der Vorgesetzte ihn ärgert. Aber ich habe das Bild nie gesehen. Wirklich nicht. Kann sein, dass eines der Mädchen mir davon erzählte. Übrigens hatte er rechts drei goldene Zähne.

Was die Mädchen betrifft, so verhielt es sich mit ihnen ein bisschen wie mit Onkel Max, wenn sie auch nicht so schön und so groß und so furchtbar waren. Aber sie hatten in meinem Leben nie die selbstverständliche Sicherheit wie Papa und Mama und die große Stehuhr im Speisezimmer, wie die Fensterkreuze und wie Bea. Man konnte nie wissen, ob es nicht eines Tages heißen würde: — Die Person muss fort! Und dann packte eben so ein Mädchen seine Sachen zusammen und war kurz darauf fort, wirklich fort, für immer. Manchesmal vergaß ich sogar die Namen.

Ich aber blieb. Hatte mein Gitterbett, meine Zahnbürste, meinen kleinen Tisch. Ich weiß nicht, weshalb, aber wenn ich so zurückdenke, ist mir, als hätte ich mit offenen Augen die ganzen ersten Jahre meines Lebens verschlafen. Wäre nur manchesmal aufgewacht, mit jenem Ruck, der plötzlich die Erde unter den Füßen verschwinden, den schwerelosen Leib in nichts zerschweben lässt. Und mir war, als hätte man mich vergessen, in einem zufälligen Haus, einer zufälligen Straße, bei zufälligen Eltern. Oft weinte ich über einem Butterbrot.

Dann kam der erste Schultag.

Von der Schule wusste ich im Voraus nur, dass man täglich zeitig aufstehen muss und dann mit Kindern zusammen ist. Kinder kannte ich bisher so gut wie gar keine. Man hatte mich wirklich immer ein bisschen vergessen gehabt. Mama musste ja fortwährend an Bea denken und Papa an Poker und seine Bank. Ich sollte also in der Schule das erste Mal mit Kindern zusammen sein. Das war aufregend. Gefährlich. Voll Abenteuer.

Ich weiß noch, dass wir am Abend vor dem ersten Schultag kalten Hasenbraten zum Abendessen hatten, und irgend eine dunkelrote Sauce war auch dabei. Und fünf Minuten vor neun, also fünf Minuten, ehe ich schlafen geschickt wurde, kam plötzlich Onkel Max. Er setzte sich auf den Stuhl neben Bea, der immer für ihn bereit stand, und sah mich mit seinen langen schiefen Augen traurig an, als er hörte, ich sollte von nun an zur S