1. Thema und Fragestellung
Als Franz Josef Strauß 1971 mit dem Satz „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ zitiert wurde,1 ahnte er vermutlich nicht, dass er damit schwulen Aktivisten auf beiden Seiten der Mauer die Vorlage für eine Sprache des Protests und der Selbstbehauptung geliefert hatte. Auf der ersten Demonstration von Schwulen und Lesben 1972 in Münster wurde das Zitat bereits aufgegriffen. Die Protestierenden bemächtigten sich der Rhetorik des Kalten Kriegs und der Verächtlichmachung von Homosexuellen durch den Bayerischen Ministerpräsidenten, indem sie Strauß’ Äußerung zum einen wiederholten und skandalisierten, sie zum anderen aber auch ins Gegenteil verkehrten und verkündeten: „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“.2 Der Slogan begann sich zu verbreiten und tauchte unter anderem 1978 als Titel einer Broschüre des Arbeitskreises Homosexualität der FDP-Jugendorganisation wieder auf.3
Der Begriff „Kalter Krieg“ wurde 1946 von Herbert B. Swope, einem Mitarbeiter des US-amerikanischen Präsidentenberaters Bernard Baruch, geprägt und 1947 erstmals öffentlich verwendet. Er bezeichnet den globalen Ost-West-Konflikt zwischen den konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen der staatssozialistischen „Volksdemokratie“ auf der einen und der liberalkapitalistischen parlamentarischen Demokratie auf der anderen Seite vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre.4 Die Bezeichnung „warmer Bruder“ für einen homosexuellen Mann ist in Berlin bereits für das 18. Jahrhundert belegt, wobei der Begriff immer abwertend konnotiert war.5 Als positive Selbstbezeichnung wurde „warm“ gelegentlich in den 1970er und 1980er Jahren von schwulen Aktivisten genutzt.
In der DDR war die westdeutsche Umkehrung des Strauß-Zitats anschlussfähig. Mit „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“ überschrieb der Arbeitskreis Schwule in der Kirche sein Informationsplakat zur Friedenswerkstatt6 1983 auf dem Gelände der Erlöserkirche in Ost-Berlin.7 Die jungen Männer kritisierten damit die Blockkonfrontation und traten wie viele andere Teilnehmer*innen der Friedenswerkstatt für Abrüstung und Frieden ein. Sie präsentierten sich aber auch erstmals als schwule Gruppe einer kleinen Öffentlichkeit in der DDR. Zu lesen war der Satz außerdem in einer Handreichung der Arbeitsgruppe Homosexuelle Liebe Jena mit dem Zusatz: „Wer Frieden will, muss auch bereit sein, warme Brüder leben zu lassen, von ihnen zu lernen und mit ihnen zu leben.“8 Damit verbündeten sich die Ostdeutschen nicht nur mit der westdeutschen Schwulenbewegung, sondern sie eigneten sich deren Slogan auch für die spezifische Situation in der DDR an, wo sich sowohl Schwulen- und Lesbengruppen als auch Friedensinitiativen in den 1980er Jahren unter dem Dach der evangelischen Kirche trafen und daher besonders nahestanden.
In der Rückschau dienten die „warmen Brüder“ und die „kalten Krieger“ noch deutlicher der Selbstverortung von Aktivisten. So veröffentlichte der Vikar und DDR-Schwulenaktivist Eduard Stapel 1999 ein Heft mit dem Titel „Warme Brüder gegen Kalte Krieger. Schwulenbewegung in der DDR im Visier der Staatssicherheit“. Darin erklärt Stapel sich selbst wie auch andere Schwulenaktivisten und -gruppen zu Widerständlern