: Teresa Tammer
: 'Warme Brüder' im Kalten Krieg Die DDR-Schwulenbewegung und das geteilte Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783111107776
: Quellen und Darstellungen zur ZeitgeschichteISSN
: 1
: CHF 45.20
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: Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
: German
: 303
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Die Schwulenbewegung in der DDR der 1970er und 1980er Jahre war in Ursprung und Entwicklung immer ostdeutsch und deutsch-deutsch zugleich. Teresa Tammer beschreibt die Bedeutung der Teilung Deutschlands insbesondere für den Schwulenaktivismus in der DDR, aber auch in West-Berlin und der Bundesrepublik seit Anfang der 1970er Jahre; sie analysiert eingehend die Selbstbehauptungsstrategien der Ostdeutschen, zu denen Selbstdarstellungen, Aneignungen, Positionierungen und Forderungen gegenüber unterschiedlichen Adressaten gehörten. Zudem untersucht sie die Netzwerke und Transfers zwischen ost- und westdeutschen Schwulenaktivisten. Die Akteure in der DDR mussten stets balancieren zwischen Anpassung und Auflehnung sowie zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten, etwa zur DDR und einer transnationalen Bewegung oder zwischen Staat und Kirche. Teresa Tammer erzählt eine multiperspektivische Geschichte der DDR-Schwulenbewegung, die eingebettet ist in die deutsch-deutsche Geschichte, aber auch in transnationale und globale Prozesse, und die über den Mauerfall hinausreicht.



Teresa Tammer ist Referentin und Stellvertreterin der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Nach ihrem Studium der Geschichte in Berlin und Warschau hat sie in Münster über schwule Bewegungen in der DDR und im geteilten Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren promoviert. Als Ausstellungsassistentin arbeitete sie im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig und war in der Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der Geschichte der Sexualitäten und Homosexualitäten, der materiellen Kultur sowie der DDR-Geschichte.

I. Einleitung


1. Thema und Fragestellung


Als Franz Josef Strauß 1971 mit dem Satz „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ zitiert wurde,1 ahnte er vermutlich nicht, dass er damit schwulen Aktivisten auf beiden Seiten der Mauer die Vorlage für eine Sprache des Protests und der Selbstbehauptung geliefert hatte. Auf der ersten Demonstration von Schwulen und Lesben 1972 in Münster wurde das Zitat bereits aufgegriffen. Die Protestierenden bemächtigten sich der Rhetorik des Kalten Kriegs und der Verächtlichmachung von Homosexuellen durch den Bayerischen Ministerpräsidenten, indem sie Strauß’ Äußerung zum einen wiederholten und skandalisierten, sie zum anderen aber auch ins Gegenteil verkehrten und verkündeten: „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“.2 Der Slogan begann sich zu verbreiten und tauchte unter anderem 1978 als Titel einer Broschüre des Arbeitskreises Homosexualität der FDP-Jugendorganisation wieder auf.3

Der Begriff „Kalter Krieg“ wurde 1946 von Herbert B. Swope, einem Mitarbeiter des US-amerikanischen Präsidentenberaters Bernard Baruch, geprägt und 1947 erstmals öffentlich verwendet. Er bezeichnet den globalen Ost-West-Konflikt zwischen den konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen der staatssozialistischen „Volksdemokratie“ auf der einen und der liberalkapitalistischen parlamentarischen Demokratie auf der anderen Seite vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre.4 Die Bezeichnung „warmer Bruder“ für einen homosexuellen Mann ist in Berlin bereits für das 18. Jahrhundert belegt, wobei der Begriff immer abwertend konnotiert war.5 Als positive Selbstbezeichnung wurde „warm“ gelegentlich in den 1970er und 1980er Jahren von schwulen Aktivisten genutzt.

In der DDR war die westdeutsche Umkehrung des Strauß-Zitats anschlussfähig. Mit „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“ überschrieb der Arbeitskreis Schwule in der Kirche sein Informationsplakat zur Friedenswerkstatt6 1983 auf dem Gelände der Erlöserkirche in Ost-Berlin.7 Die jungen Männer kritisierten damit die Blockkonfrontation und traten wie viele andere Teilnehmer*innen der Friedenswerkstatt für Abrüstung und Frieden ein. Sie präsentierten sich aber auch erstmals als schwule Gruppe einer kleinen Öffentlichkeit in der DDR. Zu lesen war der Satz außerdem in einer Handreichung der Arbeitsgruppe Homosexuelle Liebe Jena mit dem Zusatz: „Wer Frieden will, muss auch bereit sein, warme Brüder leben zu lassen, von ihnen zu lernen und mit ihnen zu leben.“8 Damit verbündeten sich die Ostdeutschen nicht nur mit der westdeutschen Schwulenbewegung, sondern sie eigneten sich deren Slogan auch für die spezifische Situation in der DDR an, wo sich sowohl Schwulen- und Lesbengruppen als auch Friedensinitiativen in den 1980er Jahren unter dem Dach der evangelischen Kirche trafen und daher besonders nahestanden.

In der Rückschau dienten die „warmen Brüder“ und die „kalten Krieger“ noch deutlicher der Selbstverortung von Aktivisten. So veröffentlichte der Vikar und DDR-Schwulenaktivist Eduard Stapel 1999 ein Heft mit dem Titel „Warme Brüder gegen Kalte Krieger. Schwulenbewegung in der DDR im Visier der Staatssicherheit“. Darin erklärt Stapel sich selbst wie auch andere Schwulenaktivisten und -gruppen zu Widerständlern