1. Kapitel
Ich war ein wildes und abenteuerlustiges Kind, sehr zum Missfallen meiner Eltern.
Sie hätten sich ein fügsames kleines Mädchen gewünscht, das die Erwartungen seiner Umwelt penibel erfüllte: brav, sittsam und unauffällig. Aber das war ich nicht. Schon früh in meinem Leben vermochte ich nicht einzusehen, warum mein jüngerer Bruder Tyson alle Rechte in Anspruch nehmen durfte und dafür auch noch Anerkennung erhielt, weil er ein richtiger Junge war. Ich hingegen wurde dafür getadelt, wenn ich mich laut und ungeduldig gebärdete.
Besonders für meine Mutter schien ich eine Enttäuschung gewesen zu sein. Schon seit langer Zeit war sie kränklich, hielt sich oft in ihrem Zimmer auf und nahm dort auch die Mahlzeiten ein. Ich hatte die Angewohnheit, ohne anzuklopfen in ihre Räume zu stürzen, wenn ich sie sehen wollte. Da nahm ich dann auch keine Rücksicht auf knallende Türen, was meine Mutter zusammenzucken ließ.
Meist stürmte ich auf sie zu, krabbelte auf ihren Schoss und begann zu erzählen. Dabei wurde ich immer lauter, je länger ich deklamierte. Für sie muss das jedes Mal eine Tortur gewesen sein, denn sie wurde in dieser Zeit immer geräuschempfindlicher und niemand durfte in ihrer Gegenwart laut reden oder irgendwelchen Lärm machen. Mein Gepolter hielt sie aus, ohne etwas zu sagen. Aber welche Qualen muss sie dabei gelitten haben?
Meistens strich sie mir dann nach einer Weile über die Haare und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Das war das Signal zu gehen. Da ich dann aber meistens sowieso mit meinem Redefluss am Ende war, fiel es mir leicht, sie wieder zu verlassen.
Wie ich von den Dienstboten hörte, bekam sie nach meinen Besuchen bei ihr oft schlimme Migräneanfälle und musste dann tagelang im abgedunkelten Schlafzimmer liegen und ich durfte nicht zu ihr. Aber das fand ich dann auch nicht schlimm.
Meine Nanny Frieda versuchte immer wieder, mich zu bändigen. Aber sie war damals schon eine nicht mehr ganz junge Frau und kam bei meinem kindlichen Überschwang schnell an ihre Grenzen. Wenn sie mich zu sehr erziehen wollte, schrie ich einfach ganz laut und hielt den Ton, solange ich konnte. Dann gab sie in der Regel auf. Es muss sich wirklich schaurig angehört haben. Ansonsten liebte ich Frieda innig. Sie war die Mutter für mich, die meine leibliche Mutter nicht sein wollte und nicht konnte.
Frieda stammte aus Deutschland. Nach England kam sie gemeinsam mit meiner Mutter. Eigentlich wollte sie damals nur ein paar Monate in England bleiben, dann aber wurde ein Leben daraus. Und das lag eindeutig an mir. Sie musste Geld verdienen, um sich die Rückfahrt nach Deutschland leisten zu können. Und da ich gerade geboren war und meine Eltern eine Nanny für mich suchten, erfüllte sich das Schicksal und sie blieb bei mir. „Schließlich konnte ich dich hier nicht zurücklassen, Liebchen. Ohne mich wärst du garan