Kapitel 1
Wenn Freiheit eine Farbe hätte, dachte Alicia, dann wäre sie ganz sicher von demselben Blau, in dem sich auch der Himmel über der Route Nationale heute präsentierte.
Keine einzige Wolke trübte die Schönheit seines sommerlichen Gewands, und die im Zenit stehende Sonne verlieh ihm ein hellgoldenes Glühen.
Sie griff nach der Dose in ihrem Getränkehalter, nahm einen großzügigen Schluck des inzwischen lauwarmen Eistees und leckte sich anschließend den süßen Pfirsich-Geschmack von den Lippen.
Die Klimaanlage ihres Mietwagens funktionierte mehr schlecht als recht, doch davon ließ sie sich nicht stören. Alicia genoss den Fahrtwind, der ihr die langen blonden Haare um den Kopf pustete und den einzigartigen Geruch nach heißem Asphalt, Salz und Abenteuern durch das heruntergelassene Fenster hereintrug.
Hier war sie richtig. Genau hier, genau jetzt, auf diesem abgewetzten Stoffsitz und mit der verschrammten Sonnenbrille auf der Nase.
Alicia grinste sich im Rückspiegel zu. Die durch den defekten Bügel in Schieflage geratenen getönten Gläser verliehen ihr das Aussehen einer verrückten Fliege aus einem Cartoon – oder vielleicht einer Wespe, dachte sie, wenn man ihr neongelbes Kleid berücksichtigte.
In Hamburg hatte sie Outfits wie jenes, in das sie am Morgen ohne nachzudenken geschlüpft war, stets mit einem leichten Zögern angezogen. Obwohl sie die norddeutsche Stadt, in der sie seit ihrer Geburt lebte, durchaus mochte, hatte Alicia immer das Gefühl gehabt, zu bunt für ihre Bewohner zu sein. Zu laut. Zu aufgeregt.
Auf ihren Reisen durch Europa hingegen, die sie durch pulsierende Metropolen und bezaubernde Dörfer geführt hatten, waren ihr derlei Gedanken nie gekommen.
So auch jetzt nicht, auf ihrer wunderbaren Fahrt durch die Bretagne, an deren Ziel ein sicherlich aufregendes Interview und danach ein wohlverdienter Urlaub auf sie warten würde.
Sie hatte lange auf dieses Stück Freiheit hingearbeitet. Auf diese seltene Auszeit, während derer sie das Arbeiten zwar nicht gänzlich einstellen, es aber deutlich ruhiger angehen lassen würde. Und der Preis für dieses Geschenk an sich selbst war hoch: Über ein Jahr lang hatte sie ohne Unterlass geschuftet, um ihre Ersparnisse aufzustocken. Nicht nur einmal hatte sie dabei das Gefühl gehabt, sich restlos übernommen zu haben, doch nun machten sich ihre Mühen – und die parallel dazu heruntergeschraubten Standards des alltäglichen Lebens – im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt.
Alicia lächelte