Havanna, Februar 2015
Lisandra
Eine große Welle des Atlantiks brach sich krachend an der steinernen Mauer der Uferpromenade Malecón, und die Gischt spritzte weit hinauf zu den Touristen und Einheimischen, die dort saßen und in die Sonne blinzelten.
Mit einem kleinen Aufschrei rutschte Lisandra von der hüfthohen Mauer und wich zurück, aber es war bereits zu spät. Das Meerwasser war gegen ihre rechte Körperhälfte geklatscht und hatte sie durchnässt.
Ihre Freundin Alina, die rechtzeitig in Deckung gegangen war, lachte. „Du wirst es nie lernen, oder?“
„Ich brauchte sowieso eine Dusche.“ Lisandra wischte sich die salzigen Tropfen aus dem Gesicht und wrang die nassen Strähnen ihrer überschulterlangen, dunkelbraunen Locken aus. Ihre Bluse klebte nass an ihrer Brust, aber zum Glück trug sie ein Bikinioberteil darunter.
Auf einmal bemerkte sie ein Frotteehandtuch, das ihr jemand hinhielt. Sie sah zur Seite und blickte in ein lächelndes Männergesicht. „Sieht so aus, als könntest du das brauchen, Señorita.“
„Danke. Spazierst du immer mit einem Handtuch unterm Arm durch Havanna?“, fragte sie spöttisch und begann ihre nassen Arme zu trocknen.
„Ja, so versuche ich, nass gewordene Habaneras kennenzulernen“, erklärte er ernsthaft, aber mit Schalk in den cognacbraunen Augen.
Lisandra lachte auf und rieb mit dem Handtuch über die nassen Stellen ihrer Bluse. „Und funktioniert das gut?“
„Das hängt von dir ab, du bist die Erste.“
Lisandra ließ den Blick von seinem charmanten Lächeln tiefer gleiten, über seinen trainiert wirkenden Oberkörper in dem verwaschenen T-Shirt, über die auf Kniehöhe abgeschnittenen Jeans und die leicht muskulösen Waden.
„Du bist Tourist, oder?“, schaltete sich nun Alina ein. Um dies zu erraten, genügte bereits ein Blick auf die teure Kamera, die vor seiner Brust baumelte. Und natürlich sein Akzent, obwohl sein Spanisch beinahe fehlerfrei war.
„Ich komme aus Deutschland. Aber mein Vater ist Kubaner, und ich bin hier, um meine Familie zu besuchen. Ich bin also kein richtiger Tourist.“ Es klang, als wolle er sich rechtfertigen.
Alina verzog ihre vollen Lippen zu einem Lächeln. „Wär auch nicht schlimm, wenn du einer wärst. Und Deutschland ist bestimmt super. Wie heißt du? Thomas, Michael, Andreas?“
„Fast. Andy.“
„Das ist kubanisch“, wunderte sie sich.
„Ist aber auch die deutsche Kurzform von Andreas. Meine Eltern wollten einen Namen, der in beiden Sprachen funktioniert. Und wie heißt ihr?“
„Ich bin Alina.“
„Lisandra.“
„Seid ihr aus Havanna?“
„Ja, wir verbringen hier unseren Feierabend. Das heißt, ich tue das. Lisandra muss nachher noch arbeiten.“
Andy blinzelte in die Sonne, die langsam tiefer sank und das Meer silbrig glitzern ließ.
Eine Windböe durchbrach die Nachmittagshitze und trieb Schaumkronen der Brandung bis auf die Uferstraße. Das Februar-Wetter war in Havanna manchmal noch launisch. Lisandra fröstelte und rieb sich die nackten Arme.
„Zeit für einen Aperitif, oder? Darf ich euch auf einen Drink einladen?“, fragte er.
„Na klar“, antwortete Alina sofort. „Da schräg gegenüber ist eine coole Bar. Du stehst bestimmt auf kubanische Musik, oder?“
„Solange es nichtGuantanamera ist.“
Sie lachten. Egal wo auf Kuba Touristen waren, tauchten Musiker auf, die sich vor ihnen aufbauten undGuantanamera zu fiedeln begannen.
Sie schlenderten den Malecón entlang und versuchten, die Straßenseite zu wechseln. Es war kein leichtes Unterfangen, die belebte Ufer- und Umgehungsstraße in der Rushhour zu überqueren. Surrende Ladas, klapprige Oldtimer, Busse und knatternde Motorradtaxis rauschten nahezu lückenlos an ihnen vorbei.
Kurz darauf erreichten sie die Bar, aus der kubanische Rhythmen erklangen.
Alina führte sie eine Treppe hinauf zu einem großen Balkon, auf dem kleine Korbsessel und Tischchen standen. Von hier aus konnten sie aufs Meer und die Uferpromenade sehen, ohne allzu sehr vom Lärm und Gestank des Verkehrs belästigt zu werden.
„Was wollt ihr trinken?“, fragte Andy.
„Cuba Libre.“ Das war Lisandras Lieblingsdrink.
„Für mich einen Mojito“, sagte Alina.
Andy bestellte zwei Cuba Libre und einen Mojito, dann lehnte er sich entspannt zurück.
„Ich würde gerne Fotos von euch machen.“ Er blickte Lisandra an. „Du wirkst sehr foto