WIE ES SEIN KÖNNTE – EINE UTOPIE
Ihr habt es getan. Ihr habt eure Wohnungen gekündigt, euer Hab und Gut in Kisten gepackt und steht jetzt in eurem neuen Zuhause. Ein Zuhause, in dem ihr zum ersten Mal als Paar zusammenleben werdet und in dem ihr euch beide als Individuen, aber auch als Paar wiederfinden wollt.
»Das wird noch mal was gaaanz anderes!«, haben sie gesagt, als ihr die Nachricht verkündet habt. »Ihr werdet euch mit lauter Marotten arrangieren müssen, und das wird nicht einfach!« Dabei haben sie vielsagend gelächelt und sich zugenickt, als sei das gemeinsame Unglück ein unausweichlicher Masterplan. Aber euch hat das keine Angst gemacht, denn keine*r von euch ist blauäugig diesen Schritt in ein Leben zu zweit gegangen. Natürlich werdet ihr euch arrangieren müssen.So what? Aber kann man das nicht tun,bevor die Situation eskaliert?
Ihr habt euch weder von romantischen Vorstellungen noch von Disneybildern leiten lassen, ihr habt euch vorbereitet. Und zwar gründlich. Ihr habt mit Paaren, die schon zusammenleben, über mögliche Fallstricke gesprochen. Ihr habt über eure Erfahrungen in euren Elternhäusern geredet und euch mit den entscheidenden Fragen auseinandergesetzt: Was hat dort zu Schwierigkeiten geführt? Wer hat wie viel Verantwortung getragen? Gab es eine klare Rollenverteilung, und wie seid ihr als Mann beziehungsweise als Frau sozialisiert worden?
Ihr habt schon vor Wochen alles Wichtige aufgeschrieben und miteinander abgestimmt: die Wohnungssuche, Kautionszahlung, Waschmittelauswahl und Wasserrechnung, die Termine der Müllabfuhr, das Besorgen der Putzutensilien, das Kochen, Einkaufen, Einrichten der einzelnen Räume und so weiter. Ihr habt jede einzelne Aufgabe verteilt, damit nicht aus Versehen alte Rollenmuster und Klischees mit euch einziehen. Ihr habt euch gegenseitig gefragt, was euch in euren vier Wänden ein Zuhausegefühl gibt, was euch wütend machen könnte und was euch Sicherheit vermittelt. Ihr habt die Gefühle und Einstellungen des/der jeweils anderen dazu einfach angenommen wie eure eigenen, mit denen ihr ja auch umgehen müsst. Sogar über so was wie rumliegende Socken und offene Zahnpastatuben habt ihr gesprochen – also über all die kleinen und großen Dinge, die zum Indikator oder Symbol einer Ungerechtigkeit gehören. Natürlich hättet ihr in derselben Zeit auch ein unterhaltsameres Gespräch führen können: über Weltreisen, Kindernamen oder die besten Klubs in der Stadt. Aber ihr wisst eben, dass ihr auch in Tahiti über eine unfaire Verteilung streiten würdet und die Namenssuche niemals ein Thema wird, wenn ihr euch wegen herumliegender Socken zerfleischt. Und ihr wisst, dass Klubbesuche wenig Spaß machen, wenn man mit Wut im Bauch tanzt. So ist es einfach.
Nichts ist tückischer als ein Kompetenzvorsprung, besonders bei Zeitnot, weil dann oft automatisch der Part übernimmt, der am meisten Ahnung hat.
Und jetzt steht ihr hier, in diesen Räumen, die ganz und gar eure werden sollen, und wisst genau, was euch beiden ein gutes Gefühl gibt. Du weißt, dass er das Schlafzimmer immer ordentlich braucht, und er hat dir versprochen, mit dir ein ganzes Kissenmeer auf dem Sofa zu arrangieren. Ihr habt gemerkt, dass deine Eltern dir als Mädchen nicht viel übers Bohren, Sägen und Befestigen beigebracht haben, aber du stehst fest entschlossen mit der Bohrmaschine in der Hand vor dem Regal. Du willst solche Sachen mit seiner kompetenten Unterstützung lernen, damit gar nicht erst ein Ungleichgewicht entsteht und du in keine Abhängigkeit gerätst. Dein Partner studiert währenddessen die Bedienungsanleitung der neuen Waschmaschine. »Benutzt du eigentlich immer das gleiche Waschmittel, auch für Buntes?«, ruft er dir durch den Flur zu, und du gehst zu ihm, um ihm alles übers Waschen zu sagen, was du übers Waschen weißt. Ihr wollt schon von Anfang an euer Wissen teilen, denn nichts ist tückischer als ein Kompetenzvorsprung (>), besonders bei Zeitnot, weil dann oft automatisch der Part übernimmt, der auf dem Gebiet am meisten Ahnung hat. Ist ja auch irgendwie logisch. Nur so konnten die Rollenbilder jahrhundertelang überleben. Aber hier, in euren vier Wänden, da stehen sie definitiv auf der Liste der aussterbenden Arten. Endlich!
Am Abend sinkt ihr farbbetupft, müde und glücklich auf euer neues Bett. Ihr habt diesen Räumen mit euren Möbeln, der Wandfarbe und den Bildern (die noch nicht hängen, aber immerhin bereitstehen) Leben eingehaucht. Euer Leben. Und weil du Hunger hast, läuft er in die Küche. Du hörst, wie es klappert und hackt, und siehst ihn vor dir, wie er Äpfel und Orangen in unnötig kleine Stücke schneidet. Du lächelst, weil es schön ist, dass er das für