2Frühling am Meer
Stimmt es, dass wir alle ständig Sehnsucht haben? Vielleicht nicht ständig, aber hin und wieder? Kann man sich nach einer Stadt, einem Dorf oder Land sehnen, das man nicht kennt, egal ob im Norden oder Süden, Osten oder Westen?
Vielleicht sind wir oder unsere Eltern dort aufgewachsen oder haben dort Urlaub gemacht, jedenfalls sind uns diese Berge, Straßen, Wälder, Inseln oder Strände ans Herz gewachsen. Vielleicht können wir nicht mehr an diesen Ort, weshalb auch immer, doch verbinden wir mit den Felsen und Klippen Erinnerungen, sodass sie – natürlich ganz objektiv gesehen und jeder Vernunft trotzend – für uns die allerschönsten Plätze der Welt bedeuten.
Wird dieser Sog stärker, wenn wir altern und unser Körper mehr Raum für Nostalgie bietet – oder eher schwächer? Vielleicht kehren wir nie mehr an diesen Ort zurück, nicht mal für ein paar Tage Urlaub.
Mit neun zog ich mit meiner Familie von Bergen nach Eivindvik, neun Jahre später wieder zurück nach Bergen. Unsere Verwandtschaft hat nie dort gelebt, und auch meine Kumpels von damals sind weggezogen, also war ich seit unserem Umzug 1993 nur wenige Male in der Stadt; mal für eine Lesung, ein andermal auf Kurzurlaub mit meinem Mann. Wir unternahmen eine Sommerwanderung von einer Lichtung namens Krossteigen hinauf, vorbei an Vassverket in Richtung Høgefjell. Wir passierten bucklige Bergrücken, und es fühlte sich an, als ob die Wege und Blicke etwas ganz Authentisches, etwas Ursprüngliches ausstrahlten. So ist alles, so soll alles bleiben, dies ist der Ausgangspunkt, der nicht verändert werden darf, alles soll bleiben wie in unserer Kindheit.
Doch als mein Mann später fragte, ob wir hierherziehen sollten, lehnte ich ab. Ob es wohl am Regen oder dem Mangel an Familie in der Nähe liegt oder daran, dass sich doch so einiges verändert hat, oder daran, dass ich jetzt eine andere bin, nicht mehr die kleine Pastorinnentochter?
Fast alle Zellen und Gedanken meines Körpers wurden ersetzt, seit wir damals mit Papa diese Wege hinaufrannten, auf Felsen saßen, in die Berge gingen, bei Regen, Wind und Hitze unsere Namen in die kleinen Gipfelbücher kritzelten, die in Einmachgläsern neben Gipfelkreuzen aufbewahrt wurden. Sammelten wir 50 Punkte, bekamen wir im Herbst einen Pokal vom Leichtathletikverein verliehen.
Wegen der niedrigen Baumgrenze konnten wir im Norden bis Solund und östlich landeinwärts den Sognefjord sehen. Nordöstlich lagen glatte Felshänge an der Küste, zu denen wir im Sommer gern mit dem Boot fuhren. Manchmal schickte Mutter uns zu einem der Höfe hinter der Schule, und ich musste beim Kuhmelken und Stallausmisten helfen; wir sollten nicht die Art von Stadtkindern sein, die bei Mistgeruch die Nase rümpfen. Einmal erzählte ich meinem Mann von meinem ersten Schultag: Es war Frühling, und sieben Kinder standen in Reih und Glied vor dem Klassenzimmer, bis die Lehrerin mit ihrem riesigen Schlüsselbund ankam. Sie trug einen gestreiften Rock und hatte kurze, graue Haare, stellte alle vor und erklärte, dass Monika mit dem Boot zur Schule kam, Anita mit dem Bus fuhr und Lena in Eivindvik wohnte. Dann wuschelte sie einem der Jungen durchs Haar und sagte: »Und dieser Lockenkopf hier heißt ›Pitte‹ Daniel.«
Petter Daniel war mein Nachbar, Heges Bruder, mit der ich viel Zeit verbrachte. Sie war ein Jahr älter als ich und Torhüterin in der hiesigen Fußballmannschaft.
Ich war von der Stadt Bergen zu meinen Großeltern und Geschwistern weggezogen. Ich fragte meinen Norwegischlehrer, ob ich in Bokmål schreiben könnte, das ich in Bergen gesprochen und geschrieben hatte. Bokmål ist die größere der beiden offiziellen norwegischen Sprachen. Die zweite heißt Nynorsk, »Neues Norwegisch«, und basiert auf den vielen Dialekten, die auf dem Land gesprochen werden.
»Nein. Hier schreiben wir Nynorsk«, lautete seine Antwort