Kapitel 1Schreck in der Abendstunde
Marcel genoss die Ruhe. Sein Vater checkte irgendwo im Haus seine Kameraausrüstung für den nächsten Tag. Seine Zwillingsschwester Julia schaute sich gemeinsam mit ihrer Mutter am Strand den Sonnenuntergang an. Marcel war zu Hause geblieben, hatte sich eine der selbstgemachten Frikadellen aus dem Kühlschrank gemopst, die eigentlich zum Proviant für den morgigen Ausflug gehörten, sich ordentlich Ketchup draufgetan, dazu ein Erdnussbutterbrot geschmiert und sich in den Liegestuhl auf der kleinen Veranda des gemieteten Ferienhauses gefläzt. Herrlich! Allein! Ruhe! Vor sich den wilden Garten mit Eukalyptusbäumen und etwas Leckeres zu essen in der Hand. Was wollte man mehr?
Tasmanien
Tasmanien ist eine Insel, die 240 Kilometer südlich des australischen Festlands liegt.
Sie ist der kleinste Bundesstaat Australiens, zu dem noch weitere, kleinere vorgelagerte Inseln gehören.
Tasmanien ist nach dem niederländischen Seefahrer Abel Tasman benannt, der die Insel 1642 für die Europäer entdeckte. 1770 nahm der britische Seefahrer und Entdecker James Cook die Ostküste Australiens und mit ihr auch Tasmanien für Großbritannien in Besitz. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand an der Mündung des Flusses Hobart die gleichnamige Hauptstadt Tasmaniens aus einer Strafkolonie Großbritanniens.
Vor etwa 12000 Jahren wurde die Insel vom Festland getrennt. Durch ihre isolierte Lage hat sich dort eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. So wächst auf Tasmanien die älteste Pflanze der Erde: Die Lomatia tasmanica ist über 43000 Jahre alt, und es gibt nur noch ein einziges Exemplar. Sie wächst auf einer Fläche so groß wie 168 Fußballfelder und ist teilweise bis zu acht Meter hoch. Ihr genauer Standort aber wird geheim gehalten, um sie vor Touristen zu schützen.
Bis zu 1600 Meter hohe Berge durchziehen die Insel. Das Klima ist gemäßigt, doch das Wetter ändert sich viel rascher als in Europa. Die Hälfte der Insel ist unberührte Wildnis. Dort wurden Naturparks eingerichtet, die unter Schutz stehen. Doch nach wie vor werden auf Tasmanien alte Bäume für die australische Holzwirtschaft gefällt.
Doch plötzlich hörte er ein seltsames Geräusch.
Marcel hörte auf zu kauen, hob den Kopf, spitzte die Ohren. Was war das?
Es klang wie ein leises, verzweifeltes Piepsen. War eine Maus oder ein anderes Nagetier auf die Veranda gekommen, das ihm vielleicht das Erdnussbutterbrot streitig machen wollte? Am Abend zuvor – ihrem ersten Abend hier auf Tasmanien – hatten er und seine Schwester schon Bekanntschaft mit einem sehr süßen, aber auch sehr hungrigen Possum – oder Fuchskusu – gemacht. Sie hatten es mit Früchten gefüttert. Marcel würde es nicht wundern, wenn es wiedergekommen war, um sich heute erneut ein Abendessen spendieren zu lassen. Aber gestern hatte der Fuchskusu so gut wie keine Geräusche gemacht, außer dem genüsslichen Schmatzen beim Früchteverzehr.
Marcel erhob sich langsam, um nachzuschauen, ob der kleine Gast tatsächlich wieder da war. Possums waren eigentlich nachtaktive Tiere. Bei Sonnenuntergang hier aufzutauchen, war ein bisschen früh für sie. Vielleicht hatte er großen Hunger? Marcel bedauerte, dass Julia nicht da war. Sie würde sich bestimmt ärgern, wenn sie ihn verpasste. Er überlegte, ob er in die Küche gehen sollte, um frische Früchte zu holen. Soweit er sich erinnerte, lag dort noch eine saftige Melone. Doch dann entschied er sich, erst einmal nach dem Tierchen zu suchen. Er horchte erneut. Das Piepsen klang noch kläglicher und wurde leiser. Aber es war noch so laut, dass