Kapitel 1
Berlin, Friedrichsfelde, 1928
Leonard Reiter, der Mann, der sich des Rufes erfreute, der beste Hellseher Berlins zu sein, seit es ihm vor kurzer Zeit gelungen war, mehrere Mordfälle aufzuklären, stand vor einem Problem. Seine heutige Kundin, eine korpulente Dame im demonstrativen Schwarz einer trauernden Witwe, kam einfach nicht zum Kern der Sache.
Seit er ihr hübsches Haus betreten hatte, das, wohin man auch blickte, von einem Leben ohne Geldsorgen erzählte, verwöhnte sie ihn auf jede erdenkliche Weise. Ihm waren winzige Häppchen mit Fisch und Gurke und einige edle Tropfen serviert worden, gefolgt von zuckrigem Gebäck und echtem Kaffee. Er hatte geduldig vier träge Katzen gestreichelt, die politische Weltlage und den neusten Klatsch mit ihr diskutiert und fühlte sich mittlerweile ausreichend genug informiert, was die Lebensumstände und Ansichten seiner Kundin betraf. Er war bereit, ihr eine Zukunft zu prophezeien, die sie hören wollte. Doch wann immer er versuchte, ihre Hand zu ergreifen, um mit der Vorstellung zu beginnen, entzog sie ihm diese.
Mittlerweile hegte er Zweifel, ob sie wirklich Interesse an ihm als Hellseher hatte oder einfach nur Gesellschaft suchte. Prinzipiell wäre ihm das durchaus recht gewesen. Nur warteten an diesem Tag noch weitere Verpflichtungen auf ihn. Kunden, die ebenfalls drauf brannten, ihr Geld für ein paar nette Worte und einen Hauch von Hoffnung lockerzumachen. Denn das war es, was Leonard üblicherweise verkaufte.
«Denken Sie, uns steht ein kalter Herbst bevor?» Josefa Redinger füllte ihm einen klebrig aussehenden Likör in ein viel zu großes Glas und setzte sich neben ihn auf das gestreifte Biedermeier-Sofa. Dies schien Leonard die passende Gelegenheit, endlich eine erste Prophezeiung anzubringen. Erneut griff er nach der Hand seiner Gastgeberin, hielt sie energisch fest und schwieg einen Moment lang andächtig, bevor er verkündete:
«Nebel werden wallen, Frost legt sich auf die Gräser, aber Sie werden es bis in den Frühling wohlig warm haben. Gibt es noch mehr, das ich Ihnen verraten soll?» Er sah von ihrer mit Altersflecken gesprenkelten Hand auf und schenkte ihr ein Lächeln. Wetterprognosen waren nicht dazu angetan, großen Eindruck zu hinterlassen, aber irgendwo musste er ja anfangen.
«Geben Sie mir bitte meine Hand zurück.» Ihr Blick war streng. «Darin befindet sich nichts, was von Interesse ist. Ich bin eine alte Frau und erwarte nicht mehr viel vom Leben. Nur eines treibt mich noch um: Ist meine Nichte noch am Leben? Oder hoffe ich vergebens?»
«Ihre Nichte?», wiederholte Leonard, um Zeit zu gewinnen, und beobachtete, wie Josefa Redinger sich schwerfällig erhob und auf eine Kommode zuging. Von der nahm sie einen Silberrahmen, in dem das Porträt eines Mädchens steckte.
«Das ist Lina.» Sie klang wehmütig, als sie zum Sofa zurückkehrte und ihm die Fotografie reichte.
Sie zeigte das schmale Gesicht einer sehr jungen Frau. Ein Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenenalter. Das Haar zu lang, um der Mode dieses Jahrzehnts zu entsprechen, ein verträumter Blick in den dunklen Augen, der die Romantikerin verriet. Durchaus apart, aber keine besonders auffällige Erscheinung. Sie wirkte auf Leonard wie ein noch unfertiger Mensch, der sich und die Welt bisher nicht recht verstanden hatte, und die nächsten Worte seiner Gastgeberin bestätigten dies.
«Sie war siebzehn, als ich sie zum letzten Mal sah. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich.»
Er