: Cory Doctorow
: Red Team Blues – Vom Jäger zum Gejagten Cyberthriller
: Heyne Verlag
: 9783641313265
: 1
: CHF 4.50
:
: Science Fiction
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Rote Team greift an, das Blaue Team verteidigt – so sind die Regeln in der Cyber-Security. Marty Hench ist ein alter Veteran des Silicon Valley, und er war schon immer Team Rot. Als IT-Experte und Ermittler hat er Konzerne, Oligarchen und Drogenkartelle verfolgt. Sein neuester Auftrag: gestohlene Security-Keys zurückholen, die ein Milliardenvermögen in Crypto-Währung wert sind. Aber dann dreht sich der Spieß um, Marty wird vom Jäger zum Gejagten – und nichts hasst er mehr, als im Blauen Team spielen zu müssen. Doch diesmal ist es ein tödliches Spiel …

Cory Doctorow, 1971 in Toronto geboren, ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit dem Blog boingboing.net und seinem Kampf für ein faires Copyright hat er weltweite Bekanntheit erlangt. Seine »Little Brother«-Romane wurden internationale Bestseller. Cory Doctorow ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Los Angeles.

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Eines Abends bekam ich auf einmal irre Lust, den ganzen Weg von San Diego bis hinauf nach Menlo Park zu fahren. Warum gerade Menlo Park? Weil es dort ein Lokal mit drei Michelin-Sternen und eine liebe alte Freundin ganz in der Nähe des Walmart-Parkplatzes gab, wo ich denUnsalted Hash abstellen und so viel trinken konnte, wie ich wollte, um danach zu Fuß zurückzukehren und ins Bett zu fallen.

Ich hatte vor Kurzem einen Job erledigt, der besser gelaufen war als erwartet – so gut, dass ich für den Rest des Jahres ausgesorgt hatte, wenn ich vorsichtig war. Allerdings wollte ich gar nicht vorsichtig sein. Aus diesem Alter war ich längst heraus. Ich wollte das Leben genießen. Ich würde auch wieder einen neuen Job finden. Aber jetzt wollte ich erst einmal feiern.

Um ehrlich zu sein, ich mochte überhaupt nicht über die Möglichkeit nachdenken, dass ich mit meinen siebenundsechzig Jahren vielleicht doch nicht so schnell eine neue Arbeit finden würde. Das Silicon Valley hasst alte Menschen, aber das ging schon in Ordnung, weil ich umgekehrt auch das Silicon Valley hasste. Jedenfalls in beruflicher Hinsicht.

Kurz vor Bakersfield lenkte ich denUnsalted Hash auf den Parkplatz einer Raststätte, um mir die Beine zu vertreten und einen Blick aufs Handy zu werfen. Nach einer Runde um die Picknicktische und den Verkaufsautomaten ging ich um meinen dummen, klobigen und luxuriösen Tourbus herum, überprüfte den Reifendruck und vergewisserte mich, dass die Gepäckfächer unversehrt und verriegelt waren. Anschließend stieg ich wieder ein, kontrollierte den Abwasserpegel und fand, dass er niedrig genug war, um meine Bordtoilette zu benutzen. Dann endlich, das Warten hatte mich viel Kraft gekostet, setzte ich mich auf einen pflaumenweichen Ledersessel und rief die neuen Nachrichten auf.

So erfuhr ich, dass Danny Lazer mich suchte. Er hatte es über die üblichen Kanäle probiert – ich sah einige Direktnachrichten von Leuten, bei denen ich mich manchmal meldete, wenn ich Arbeit brauchte –, und das verlieh diesem Abend einen gewissen Glanz, denn siebenundsechzig hin oder her, für jemanden mit meinen Fähigkeiten gab es immer irgendwas zu tun. Danny Lazer hatte offenbar ein Problem mit seinen Trustlesscoin-Schlüsseln, die angeblich auf den bestgehüteten kryptografischen Geheimnissen der Welt beruhten.

Also schickte ich ihm eine Nachricht. Eine Rast später, gleich hinter Gilroy, traf seine Antwort ein. Er wollte mich unbedingt sehen. Ob ich ihn zu Hause in Palo Alto anrufen könne?

Mein aufgeblasenes kleines Ego schwoll noch weiter an, weil er mich anscheinend dringend brauchte. Ich antwortete ihm, ich hätte mich am nächsten Abend schon zum Abendessen verabredet, würde mich aber am Morgen danach bei ihm melden. Ehrlich gesagt fühlte ich mich noch viel wichtiger, als ich einen so bedeutenden Mann wie Danny Lazer warten ließ, auch wenn es nur um einen Tag ging. Seine Antwort verriet mir, dass ihn die Verzögerung ärgerte. Ich kam mir selbst etwas zickig vor, aber das Gefühl war dann doch nicht so stark, dass ich die Verabredung zum Abendessen abgesagt hätte. Meine alte Freundin war eine unternehmungslustige Frau, und es war gut mög