EINS
Im Sommer des Jahres 1967 verwandelte sich San Francisco in eine neue Welt, ein Reich des Friedens und der Freude. Irgendwie, irgendwo hatte ein kleiner Funke einen Flächenbrand der Freiheit entfacht – Freiheit von den Normen und Zwängen des Kapitalismus, der den Menschen seit Generationen vorschrieb, wie sie zu leben hatten. In einem Café, einem Klub oder einem Universitätscampus war ein junger Mensch aufgestanden und hatte so laut »Warum?« gefragt, dass ein Ruck durchs Land gegangen war und sich viele Leute dieselbe Frage stellten. Und als sie begriffen, dass es darauf keine zufriedenstellende Antwort gab, versuchten sie es mit einer anderen Frage.
Warum nicht?
Es war der Sommer der Liebe, ein Begriff, der Gayle Franklin Keyes ausnehmend gut gefiel. Mit jedem Atemzug, den Gayle in ihrer Wahlheimat tat, inhalierte sie die Freude, Liebe und die Freiheit, die eine ganze Generation junger Menschen – über einhunderttausend, wenn man den Zeitungen Glauben schenken wollte – in die Straßen und Hügel von San Francisco getragen hatten. Diesen schönen, zerzausten, wilden Kindern mit Blumen im Haar war es zu verdanken, dass Gayle gelegentlich auch etwas anderes inhalierte.
Gayle hatte im Jahr 1924 in dem winzigen, trostlosen Ort Hawley in Kansas das Licht der Welt erblickt. Nach einer lang anhaltenden Trockenheit vernichteten 1933 heftige Winde und Staubstürme die sowieso schon kümmerliche Ernte des inzwischen als Dust Bowl – »Staubschüssel« – bekannten Landstrichs. Da war Gayle neun Jahre alt und hatte Hunger und Sorgen bereits kennengelernt – doch auch die Zuwendung und Liebe ihrer Eltern. Sie freute sich auf ihre kindliche Art, wenn sie bei der harten Arbeit helfen konnte. Sie würden es schon schaffen, hatte ihr Vater ihr immer wieder versichert. Doch jener verhängnisvolle Sommer vor vierunddreißig Jahren hatte seine Worte Lügen gestraft.
Eines Tages war ein gewaltiger Staubsturm gekommen, hatte die Erde aufgewühlt und die Sonne verdunkelt. Doch Gayle hatte ihre Eltern nicht wegen des Wirbelsturms verloren – sondern an die Wesen, die der Tornado mit sich getragen und auf den trockenen, verdorrten Boden gespuckt hatte. Albtraumhafte Wesen. Hungrige Wesen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Einwohnern Hawleys hatte Gayle überlebt. Sie war zusammen mit einer hilfsbereiten Frau namens Elisa, die ihren Mann und ihr kleines Kind verloren hatte, entkommen. Elisa hatte Gayle in ihre Obhut genommen, und gemeinsam hatten sie den Ozean überquert, um in London neu anzufangen. Dort waren sie glücklich gewesen – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Die Luftangriffe auf London waren schon schlimm genug gewesen. Die deutschen Bomber ließen ihre tödliche Fracht auf jeden noch so kleinen Lichtschimmer regnen. Tausende starben, doch die tapferen Londoner ließen sich nicht entmutigen. Und dann kehrten die Ungeheuer inmitten der Zerstörung, des Verderbens und Leidens zurück, und diesmal machten sie gezielt auf Gayle Jagd.
Gayle hatte etwas, das sie haben wollten.
Einen grünen Stein, der an einer Kette um ihren Hals hing und dessen Wärme sie auf ihrer Haut spürte. Es war kein richtiger Smaragd, eigentlich noch nicht einmal ein Edelstein, obwohl er gelegentlich so bezeichnet wurde: das Smaragdherz von Oz. An manchen Tagen hing es schwer um ihren Hals … an anderen gelang es ihr, es beinahe völlig zu vergessen.
So wie zum Beispiel heute Abend.
Es war der fünfzehnte Juli. Strawberry Alarm Clock gaben ein Konzert in Fisherman’s Wharf, was in dem Hafenviertel für große Vorfreude sorgte. Im Lauf des Jahrzehnts waren der Pier und seine Umgebung zu einer beliebten Touristenattraktion geworden – eine Entwicklung, mit der Gayle und ihr Mann Gabriel Keyes nicht unzufrieden waren. Früher waren die Fischerei, der Verkauf des Fangs und die Restaurants, in denen dieser serviert wurde, fest in Händen der Italiener gewesen. Die Aussicht, die man von diesen Restaurants auf die Bucht von San Francisco, die Golden Gate Bridge und Alcatraz hatte, zog bald mehr Gäste und sonstige Touristen an als die frischen Meeresfrüchte.
Die Geschäftsleute, die daraus Kapital schlag