Es war Samstag, der 10. September 2022. Ein warmer und sonniger Tag wurde erwartet, ein Tag, der sich im Nachhinein noch als ein erinnerungswürdiger herausstellen sollte. Aber am Morgen um 6:00 Uhr war es selbst in einer Großstadt wie Berlin ruhig, denn ein morgendlicher Samstag bedeutet im günstigsten Fall Wochenende, bedeutet, länger schlafen zu können.
Ich weiß nicht, ob es eine innere Uhrgibt oder ob ich einfach schon zu oft in meinemLeben zeitig aufstehen musste, ich werde ausnahmslos zehn Minuten früherwach, egal wo ich bin, wann ich aufstehen muss oderwie viele Stunden ich vorher überhaupt schlafen konnte.
Eine gelegentlichaufkommende Müdigkeit zu spüren, ist eigentlich etwas Wunderbares. Ich mages, wenn meine Physis Pause ruft. Ach, der Körper, denkeich dann, wie er sich um mich sorgt! Müdezu erwachen, ist allerdings weniger ein Glücksmoment. Und an diesemSamstagmorgen fiel es mir schwer aufzustehen.
Ausnahmslos schaue ich immerals Erstes aus dem Fenster, ich mag diesen verschlafenen Blickin die Welt.
Und auch jetzt blieb ich gedankenverloren einenMoment stehen, der Bebelplatz lag menschenleer und in ein sanftesLicht getaucht vor mir; einige Taubenmännchen versuchten mit kreisenden Bewegungeneine Taubendame zu beeindrucken.
Schlagartig flogen sie davon, als einejunge Frau mit lauter Stimme »Das ist doch eine Scheißidee« brüllte.
Ja, dachte ich, auch ich wäre lieber zu Hause,aber am vergangen Mittwoch war die Queen gestorben, und sowar ich am gestrigen Abend noch schnell nach Berlin gefahren.
Der Tod kommt immer ungelegen, wie eine unerwartete Nachzahlung oderein Auffahrunfall, der uns in eine andere Welt schleudert. Vielleichtist es überhaupt nicht möglich, im richtigen Augenblick zu verschwinden,nicht einmal als Queen. Und wenn ich ehrlich bin, hätteich mich auch nicht gewundert, wenn sie ewig gelebt hätte.
Sie war immer da, wie eine Konstante, die mein Lebenaber in keinerlei Hinsicht persönlich beeinflusst hat. Sie hat michnie angerufen, nicht eingeladen, ich habe nicht mit ihr überHunde und Pferde geplaudert, habe nie gesagt: »Ach, Elisabeth, wasist denn da los bei euch?«
Und doch bin ichein Teil ihres Lebens gewesen, da ich immer das Gefühlhatte, dass sie mir einmal zugewunken hat.
Damals fuhr sieim Rolls-Royce an mir vorbei und hatte die Handzum Gruße erhoben. Gut, es waren wirklich viele Menschen da,aber ich hatte das unmissverständliche Gefühl, dass sie mir indie Augen schaute und in diesem Moment zu ihrem MannPhilip sagte: »Schau mal, da ist ja der Guido.«
Sondersendung,schoss es mir durch den Kopf, und ich musste michbeeilen, denn wenn auch die Queen sich niemals direkt anmich gewandt hatte, mein Senderchef allerdings schon!
Als ich meinHotelzimmer in Richtung Frühstücksraum verließ, wurde ich von einem amerikanischenEhepaar im Aufzug gebeten, ihr Gepäck doch bitte beim Conciergezu deponieren. So ein Trauer-Outfit verschiebt eben auch dietextile Grenze zwischen Personal und Gast.
»Heartfelt condolences«, sagte dieAmi-Gattin, nachdem ich erklärt hatte, dass die Queen gestorbensei. Und im Weggehen hauchte sie noch so etwas wie »So sorry« und erinnerte ein weiteres Mal an die Koffer.
Die bei