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Gegen den strahlenden Streifen aus Sternen hob Nyx die Hand. Die Wärme ihres Atems wurde in der eisigen Finsternis zu Dunst und verschleierte den Blick so sehr, dass dies alles wie ein magisches Trugbild wirkte. Sie stand allein auf dem Mitteldeck derSperber und bestaunte das Wunder über ihr. Sie hatte nicht gewusst, dass ein so helles Strahlen jenseits des Sonnenglanzes überhaupt existierte.
Aber woher hätte ich es auch wissen sollen?
Als das Wyndschiff unter dem Bogen des Nachthimmels weiter nach Westen flog, erkannte sie, wie klein ihre Existenz bis vor Kurzem noch gewesen war. Ihr ganzes Leben hatte sie innerhalb der Krone verbracht, wo die Nacht nur ein schwächeres Leuchten des Tages war. Sie stellte sich das bronzene Modell des Sonnensystems im alten Astronikum ihrer Schule vor, in dem die Sonne durch einen runden Kessel voller heißer Kohlen dargestellt wurde, um den sich winzige Planeten mithilfe von Drähten und Zahnrädern drehten. Sie dachte an die dritte Kugel, die Urde, die von dem komplizierten Tanz des Systems angetrieben wurde. Während ihre Welt die Sonne umkreiste, wandte sie ihr immer dieselbe Seite zu. Die eine brannte auf ewig unter dem gnadenlosen Strahlen des Vaters Oben, während der anderen seine Wärme verboten war. Damit wurde sie von einer nie endenden, eisigen Dunkelheit eingehüllt. Die Krone lag zwischen diesen Extremen; sie war der Kreis aus Ländern, die von Eis und Feuer umgeben waren und von der lebensspendenden Liebe des Vaters Oben ernährt wurden.
Und das alles haben wir jetzt weit hinter uns gelassen.
Sie wandte ihre Hand um – und dem Grund für diese gefährliche Fahrt zu. Während die Kälte ihre bloßen Finger betäubte, maß sie das Antlitz des Vollmondes, der in diesem dunklen Land so hell wie eine Laterne leuchtete. Sie mühte sich abzuschätzen, ob sein Gesicht noch stärker angeschwollen war, und suchte nach Anzeichen dafür, dass ihre Prophezeiung über den Mondsturz wahr sein könnte. Noch einmal vernahm sie die Schreie aus ihrer Vision und spürte das donnernde Beben des Landes, gefolgt von der ohrenbetäubenden Stille einer Welt, die in dem Augenblick zerstört war, als der Mond auf die Urde prallte.
Sie konnte nicht sagen, ob der Mond größer geworden war, aber sie zweifelte auch nicht an ihrer Prophezeiung, die vor einem halben Jahr durch Gift bei ihr hervorgerufen worden war. Der Alchymist Frell hatte dasselbe durch seine Berechnungen herausgefunden, die weitaus präziser waren als Nyx’ Finger. Ihm zufolge war der Vollmond vor allem während des letzten Jahrzehnts immer größer geworden. Die Bronzefrau Shiya hatte sogar einen ungefähren Zeitpunkt für das Ende der Welt genannt:Es wird nicht länger als fünf Jahre dauern. Vielleicht auch nur drei.
Nyx spürte den Druck der verstreichenden Zeit. Er lag wie eine Wagenladung Steine auf ihrer Brust. Auch wenn sie sich ausruhte, fiel ihr das Atmen oft schwer. Ihre Gruppe hatte den Rest des Sommers und den größten Teil des Herbstes mit der Vorbereitung auf diese Reise zur dunklen Gefrorenen Wüste verbracht. Sie hatten es nicht gewagt, allzu hastig zu handeln, insbesondere da so wenig über dieses eisige Land bekannt war. Nun aber näherte sich die Wintersonnenwende rasch, und sie hatten noch Hunderte Meilen vor sich, während ihnen die Zeit davonlief.
In aufkommender Verzweiflung senkte sie den Arm und zog sich wieder den pelzverbrämten Handschuh an. Seit sie über das hohe Gebirge der Eiszähne hinweggeflogen w