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Ich schaue Laurence direkt an und versuche angestrengt, mich auf das zu konzentrieren, was er sagt, anstatt auf die außergewöhnliche Farbe seiner Augen. Sie sind grün, und ich weiß genau, wie schockiert meine Großmutter wäre, wenn sie sie sehen könnte. Obāchan hat Cassie Michaelson nie kennengelernt, war aber sehr misstrauisch, als ich sagte, ihre Augen seien blau – was hat sie gegessen, wollte sie wissen, dass sie so aussehen?
Laurence und ich sitzen in dem Buchladen-Café mit Glasfront gegenüber von Roppongi Hills*, wo ich mich seit achtzehn Monaten ein paarmal die Woche mit Kunden treffe. Mein offizieller Titel lautet Interkulturelle Beraterin, auch bekannt als Reiseleiterin für das manchem sehr fremd anmutende Land namens Japan. An den Job bin ich über meine glamouröse französische Freundin Eloise gekommen, die, obwohl sie bereits jahrelang in Tokio lebte und arbeitete, immer noch davon ausging, dass alle um sie herum so direkt waren wie in Paris, und nicht verstand, wie es ständig zu Missverständnissen kommen konnte. Als sie begann, Beispiele aufzuzählen, war das Problem offensichtlich – sie hörte »ja«, wenn ihre japanischen Freunde und Kolleginnen »nein« sagten. Wenn wir den Blick in die Ferne richten und mitfühlende, bestätigend klingende Laute von uns geben, bedeutet das »nein«. Wenn wir die Frage unseres Gegenübers umformulieren oder seine Gefühle bestätigen, heißt das »nein«. Und am eindeutigsten, aber anscheinend verwirrendsten für Westler steht die Antwort »ja« häufig – ganz klar, deutlich, unumstößlich – für »nein«. Eloise war so begeistert von diesen Erkenntnissen, dass sie darauf bestand, mich ihrem Mann vorzustellen, als Antwort auf den Umzugs-Kulturschock seiner Kollegen. Dass ich den Job annahm, war Teil meines Bestrebens, mein Englisch aufzufrischen und nicht verrückt zu werden. Ich versuche es wirklich.
Inzwischen habe ich einen relativ steten Zulauf an Kundinnen und Kunden, die begierig sind, von mir zu erfahren, wie man es schafft, nicht jeden zutiefst zu beleidigen (im Zweifelsfall zieht man die Schuhe aus und rückt sich selbst in ein schlechtes Licht), und wie man ein paar nützliche Dinge sagt. Häufig führe ich verwirrte Ehefrauen irgendwelcher amerikanischer oder englischer Manager durch Supermärkte, damit sie am Ende kein Reinigungsmittel für Zahnprothesen kaufen, wenn sie eigentlich Zahnpasta wollen, und zeige ihnen, was man roh essen kann und was nicht. Im Prinzip mag ich sie. Sie erinnern mich an New York, daran, wie viel einfacher es ist, auf Englisch zu sagen, was man meint, und an das Gefühl, ein Abenteuer zu erleben. Die dazwischenliegenden Jahre scheinen mich jedoch immer japanischer gemacht zu haben, was vermutlich unvermeidbar war. Waren Westler schon immer so vulgär, so chaotisch? Braucht es tatsächlich einen überdurchschnittlichenIQ, um zum Beispiel zu merken, dass in dieser Stadt vor 22 Uhr niemand die Stimme erhebt und dass man in der Öffentl