KAPITEL 2
Apples Pay Card: Sexismus pur?
Im November 2019 beantragten David Heinemeier Hansson und seine Frau Jamie jeweils eine Apple Card. Und weil Apple die Firma ist, die sie ist, ist die Beantragung der Kreditkarte sehr einfach und komplett digital: Man kann sie direkt über ein Apple-Gerät beantragen, und sobald dieAGB anerkannt wurden, bekommt der Nutzer eine Entscheidung, ob er eine Karte bekommt und wo die Kreditlinie liegt. Das geht so blitzschnell, dass dahinter natürlich eine Software-Entscheidung steht. Und siehe da: Seine Frau Jamie Heinemeier Hansson bekam einen Kreditrahmen von um die 50US-Dollar und ihr Ehemann David einen um die 1 000US-Dollar. Und damit begann der Ärger von David Heinemeier Hansson. Aber das kann er selbst Ihnen besser erzählen als ich:[1]
Ich konnte nach diesen starken Worten einfach nicht anders, als mir Heinemeier Hansson als Ritter vorzustellen, der seiner Ehefrau und allen anderen Frauen beispringt:
Wir sehen ihn also jetzt in seiner polierten Rüstung, das Schwert zur Verteidigung gezogen – und plötzlich geht sein Tweet viral. Denn David Heinemeier Hansson ist ein interessanter Typ – Rennfahrer, Softwareentwickler, Autonarr, dem auf Twitter viele Personen folgen: Über 11 000 Mal wird der Tweet am Ende weiterverbreitet, über 25 000 Mal klicken die Leser und Leserinnen auf »like«. Die Autorin Safiya Noble, die das Buch »Algorithms of Oppression« schrieb, twitterte beispielsweise: »This is an algorithm of oppression if I’ve ever seen one.« Völlig überraschend mischte sich dann auch Steve Wozniak in die Unterhaltung ein, der sich demütig wie folgt vorstellte: »Ich bin momentan Apple-Mitarbeiter und Gründer der Firma.« Er bestätigte, dass auch seine Ehefrau einen zehnfach geringeren Kreditrahmen erhalten hatte, obwohl sie all ihr Vermögen teilen würden, und ermahnte Apple, hier Verantwortung zu zeigen. Dieser Kommentar war eine gewichtige Unterstützung von Heinemeier Hanssons Anliegen.
Andere Kommentare dagegen erzürnten Heinemeier Hansson dagegen fast so sehr wie die Entscheidung des Algorithmus. Dazu gehören insbesondere die drei folgenden Argumentationslinien:
- »Aber das ist ja gar nicht Apple selbst, sondern Goldman Sachs, also die Bank, die die Apple Pay Card in Zusammenarbeit ausstellt. Warum Apple an den Pranger stellen?«
- »Hat deine Frau nicht vielleicht einfach eine schlechtere Kreditwürdigkeit als du?«
- »Wieso denkst du, dass das sexistisch ist, könnte doch auch andere Gründe geben?«
Nun, all das lässt Heinemeier Hansson natürlich nicht auf sich sitzen. Das erste Argument ist tatsächlich keines: Denn wer nun genau den Algorithmus verantwortet, ist unerheblich für die Frage, ob er funktioniert, wie er soll. Das Beispiel ist damit auch eine Warnung für Unternehmen, die Software nutzen, um Entscheidungen automatisch zu berechnen: Für die Kunden und Kundinnen ist am Ende immer in erster Linie die Person verantwortlich, die den Algorithmus nutzt – unabhängig davon, wer ihn entwickelt ha