Wenn die Angst kommt
Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann …
Der größte Schrecken, das war schon immer so, lauert oft genug hinter unschuldiger Kulisse. Das gilt auch für den »Butzemann«. Bevor er auftritt, ist alles friedlich: Die kleinen Kinder liegen nach Einbruch der Dunkelheit brav in ihren Bettchen, haben womöglich ihr Nachtgebet gesprochen, sind schon fast eingeschlafen oder bereits im Reich der süßen Träume – und dann kommt urplötzlich: die Angst! Vor dem schwarzen Mann, der nachts in das Haus eindringt! War da nicht ein Geräusch im Flur? Ein Rumpeln und Knarzen auf der Treppe? Ist das der Butzemann, der womöglich vor Stunden noch in dem bekannten Kinderlied fröhlich besungen wurde? »Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserem Haus herum, fidebum …« Doch in der Dunkelheit ist jetzt keinem Kind mehr zum Singen zumute, denn der Butzemann ist eine Furcht einflößende Gestalt, ein Kobold oder womöglich ein Geist, niemand weiß das so genau. Aber als sicher gilt, dass er sich von verschlossenen Türen nicht abhalten lässt, sondern sie auf unheimliche Weise einfach passieren kann. Die Kinder haben Angst vor ihm – und ihre Eltern womöglich ebenfalls …
Dabei sind es über Jahrhunderte hinweg ausgerechnet die Erwachsenen, die ihren Kindern Geschichten von Gestalten wie dem Butzemann erzählen und damit die Ängste ihres Nachwuchses erst wecken und schüren. Ihre Erzählungen sollen dem pädagogisch höchst fragwürdigen Zweck dienen, den Kindern Angst vor Strafen zu machen, wenn sie sich nicht an die Anweisungen der Erwachsenenwelt halten. Wenn die Kleinen Blödsinn anstellen, so die simple und gerade deshalb so weit verbreitete Logik, kommt eben zur Strafe der Kinderschreck. Der trägt in den Regionen unterschiedliche Bezeichnungen: »Buhmann« oder »Butzemann«, »Nachtmann« oder generell der »schwarze Mann«, der als Figur auch in das kindliche Fangespiel »Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann« eingeht.[2] Die Drohung mit diesem Mann ist allerdings alles andere als lustig: Je nach erzählerischer Ausprägung und nach »pädagogischer« Grobheit hat er einen Sack dabei, in den er die unartigen Kinder steckt, eine Rute, mit der er die Kleinen schlägt (hierin zuweilen identisch mit der Vorstellung vom weihnachtlichen Knecht Ruprecht)[3], oder einen langen Haken, mit dem er die widerstrebenden Kinder an sich zieht, um sie umstandslos zu fressen! Mit der Drohung mit so einem Unhold lässt sich munter agieren: Das Kind soll abends brav im Haus bleiben? Da hatte die Mutter einst Verse wie diesen parat: »Gang nit hinaus, der Mann ist draus!«[4] Welches Kind blieb da nicht lieber erschrocken daheim?
Die Angst gilt uns als ein negatives Gefühl, das wir lieber meiden und auf das wir im Alltag am liebsten so weit wie möglich verzichten wollen. Doch sie war immer auch ein nützliches Warnsignal vor Unglück und möglichem Schaden – für jeden Einzelnen wie für die Gemeinschaft. So war es in Zeiten, als die Menschen auf eine karge Getreideernte für ihr Überleben angewiesen waren, eben keine hinnehmbare Kinderei, wenn der Nachwuchs balgend über die Felder zog und die Pflanzen zertrampelte. Die Ängste, die mit den Erzählungen der Erwachsenen geschürt wurden, konnten hier helfen. Deshalb herrschten in den Feldern mit dem lebenswichtigen Getreide im Mittelalter und noch in der frühen Neuzeit die »Korndämonen«, die »Roggenmuhme« oder der
Alle haben sie Angst vor dem Butzemann, der die Kleinen holt. Hier eine Darstellung der spanischen Version »El Coco« v