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Nika
»Jackpot! Der Kerl mit der Rolex hat uns soeben ein Trinkgeld in Höhe einer Wochenmiete zugeschoben.« Mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen zählte ich die Scheine in meiner Hand.
»Der mit der Rolex? Nett. Als ob nicht jeder dieser Bonzen hier eine trägt«, erwiderte mein Lieblingskollege Francois und zwinkerte mir zu. In den vergangenen acht Wochen war er mir mit seiner schamlosen Art ans Herz gewachsen. Er war etwas älter als ich, Mitte zwanzig, und arbeitete im Gegensatz zu mir nicht nur temporär im Jacques in Saint-Tropez, während er an seiner Karriere als Künstler tüftelte.
»Sorry, ich nehme das zurück«, schnaubte ich und verstaute das Geld in unserem Trinkgeld-Glas. Am Ende der Woche würden wir die gesamte Summe aufteilen. »Selbst nach zwei Monaten habe ich mich noch nicht daran gewöhnt, dass die hier die Scheine regnen lassen wie Taylor Swift ihre Nummer-1-Hits.«
»Glaub mir, Nika, sobald du wieder die Chance hast, hier einzuspringen … do it! Vor allem in der Hochsaison ist das der Garant für einen Geldspeicher wie Dagobert Duck, Girl.« Er verzog seine Lippen zu einem Schmollmund und schnipste mit den Fingern ein paarmal in die Luft.
Ich vermisste Francois jetzt schon. Es war bereits meine letzte Woche im Restaurant, bevor ich ab Montag in mein neues Leben starten würde.
Ein Neuanfang.
Alles, was ich mir je gewünscht hatte, in greifbarer Nähe. Wenn ich nur daran dachte, füllte sich meine Brust mit Wärme, und ich musste unweigerlich lächeln. Daher würde ich den Verlust meines Jobs wohl auch ganz gut verschmerzen.
Noch immer hatte ich nicht wirklich realisiert, dass die renommierte Belladaire Academy of Athletes in Monaco mich angenommen hatte und mir einen Studienplatz für die nächsten drei Jahre bot. Ich hatte es mir verdient. Nicht nur den Platz im Fecht-Team, sondern auch die Hoffnung darauf, dass nun alles besser werden würde. Endlich raus aus Frankfurt, weg von meiner alten Schule und auf dem schnellsten Weg in eine glanzvolle Zukunft inklusive etlicher Stunden schweißtreibenden Trainings, Theoriestunden, funkelnder Medaillen und Menschen, die mich zur Abwechslung nicht wie einen Haufen Dreck behandelten. Hoffentlich.
Rasch schüttelte ich den letzten Gedanken ab, der die nur allzu vertraute Übelkeit in mir aufsteigen ließ. Diesmalwürde alles besser werden. Esmusste einfach.
»Ist notiert.« Ich strich mir die schwarze Schürze glatt und lief zu einem der Tische auf der Terrasse, wo gerade zwei Männer Platz genommen hatten, die ungefähr in meinem Alter sein mussten.
Die edle Einrichtung im Innenbereich mit vorwiegend weißem Mobiliar und Statuen in jeder Ecke erstreckte sich bis nach draußen. Es war später Nachmittag, und alle Gäste auf der Terrasse hatten einen perfekten Blick aufs Meer und den Hafen von Saint-Tropez. Palmen wehten im Wind, vereinten sich mit Wellenrauschen und den Schreien der Möwen. Während Gläser gegeneinanderklirrten, Lachen und Gesprächsfetzen von allen Seiten herbeischwebten, steuerte ich den Tisch in der Mitte an, wo die beiden neuen Gäste in der Karte blätterten.
»Herzlich willkommen im Jacques. Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?« Ich strich mir eine schwarze Strähne hinters Ohr, die sich aus meinem strengen Dutt gelöst hatte, und holte das Tablet aus der Tasche meiner Schürze, um die Bestellung aufzunehmen.
»Für mich erst mal ’ne Cola, danke«, sagte einer der beiden auf Englisch mit dem Hauch eines skandinavischen Akzents und legte die Karte beiseite. Er hatte hellblonde Haare, die leicht verwuschelt unter einer Beanie hervorblitzten, und strahlend blaue Augen.
»Alles klar«, entgegnete ich, vermerkte die Bestellung im System und sah den anderen jungen Mann an. Ein schiefes Gri