Erstes Kapitel
Nook Cottage, Die Cotswolds, Sommer 2022
In genau demselben kleinen Cottage am Ende der Schotterstraße saß Harry Langley auf der Kante eines abgewetzten Sessels, in dem seine Mutter den Großteil der vergangenen zehn Jahre verbracht hatte. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte, die vornübergebeugte Position, die er eingenommen hatte, war ungewohnt für seine hochgewachsene Statur, seine Beine viel zu lang. Zu diesem Zeitpunkt hockte er bereits zwei Stunden so da, immer noch in dem schwarzen Anzug, der eine Nummer zu klein war und in dem er sich wie ein kleiner Junge in der Schuluniform vom Vorjahr fühlte. Die Augen zu Schlitzen verengt, versuchte er, das Chaos um ihn herum auszublenden. Dann stand er auf, lockerte die Krawatte, schüttelte das Sakko ab und wünschte sich, seine Mutter wäre bei ihm, um ihm bei der vor ihm liegenden Herkulesaufgabe zu helfen. Doch sie war nicht hier und er war allein, denn heute um fünfzehn Uhr war ihre Asche beigesetzt worden.
Mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die sich glitzernd in dem Spiegel über dem Kamin brachen, ließ Harry den Blick über den Rest des Durcheinanders schweifen. Nichts, was er hier sah, war neu für ihn, immerhin hatte er die letzten zehn Jahre inmitten all dieser Dinge gelebt. Doch das Chaos traf ihn dennoch unerwartet. Die Sammlung seiner Mutter bedeckte jeden Zentimeter des Zimmers, die Tür zum Gang war irgendwo halb geöffnet eingekeilt und ließ nur einen kleinen Spalt frei, durch den man zur Haustür gelangte. Genau wie Bakterien in einer Petrischale wuchsen, vervielfältigte sich das Volumen an Habseligkeiten in der Küche und die Treppe in den ersten Stock hinauf, ein ganzes Leben des Hortens, das jede freie Oberfläche in Beschlag nahm. Es hatte weder vor Wänden, dem Teppich und an einigen Stellen sogar der Decke Halt gemacht. Und nun, nach dem Tod seiner Mutter, war es seine Aufgabe, das Chaos zu beseitigen, damit das Haus verkauft werden konnte. Doch er wusste nicht, wo oder wie er anfangen sollte.
»Komm schon«, sagte er zu sich selbst, leise Gedanken, laut ausgesprochen, so wie er es sich mittlerweile angewöhnt hatte. Ohne seine eigene Stimme wäre die Stille unerträglich. »Irgendwann müssen wir das angehen. Warum dann nicht jetzt gleich?« Er kniete sich hin und hob den Deckel einer Kiste mit der AufschriftErsatzteile an. Ein metallischer Geruch wehte ihm entgegen, mit einem Hauch Eisen, scharf wie der Geschmack von Blut. Nachdem er in dem Wust herumgewühlt hatte, zog er etwas heraus, das er für eine Zündkerze hielt, und danach etwas Undefinierbares, vielleicht eine Art Pumpe. Schwarzes Schmierfett verfärbte seine Fingerspitzen und er wischte sie sich an dem Anzug ab, von dem er wusste, dass er ihn nie wieder tragen würde. Durch die Unkenntlichkeit der Dinge wurde ihm nur noch deutlicher bewusst, dass dieses Haus bis zum Dach wie eine Dose Sardinen mit unnützen Habseligkeiten vollgestopft war. »Herrgott, Mum. Du hast auch wirklich einfach alles behalten.«
Nun, fast alles, dachte er.
Von seinem Platz am Boden blickte er durch das Zimmer zu der Stelle, wo seine Mutter immer gesessen hatte, mit dem eingedellten Kissen in der Mitte, als erwarte es ihre Rückkehr. In ihm stiegen jäh Erinnerungen an Abende auf, an denen eine sanfte Sonne den Raum in