: Octavia E. Butler
: Die Parabel der Talente Roman
: Heyne Verlag
: 9783641292560
: Parabel
: 1
: CHF 12.60
:
: Science Fiction
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Make America great again - Octavia E. Butlers prophetischer zweiter Roman, der unsere Gegenwart abbildet.

Der große Klassiker der amerikanischen Literatur erstmals auf Deutsch!


Wir schreiben das Jahr 2032. Lauren Olamina hat eine kleine Gemeinschaft in Nordkalifornien gegründet, in der sie nach den Regeln ihrer neuen Religion in Frieden lebt. Sie nehmen alle auf, die nach der Wahl des ultrakonservativen Präsidenten Jarret verfolgt werden. Jarret hat im Wahlkampf versprochen, Amerika wieder groß zu machen, doch in Wahrheit spaltet er mit seinen Reden und Taten das ohnehin zerrissene Land immer tiefer. Schnell wird Laurens Gemeinschaft – eine Minderheitenreligion, angeführt von einer Schwarzen Frau – zur Zielscheibe seines Hasses.

Jahre später studiert Laurens Tochter Ashs Vere die Tagebücher ihrer Mutter. Sie sucht in der Vergangenheit nach Antworten auf ihre Fragen – und will ihre Mutter verstehen lernen, die hin- und hergerissen war zwischen der Verantwortung für ihre Gemeinschaft und ihrer Bestimmung, die Menschheit als Ganzes in eine bessere Zukunft zu führen.

Vieles kommt einem bekannt vor - Octavia knew.

Octavia Estelle Butler (22. Juni 1947 – 24. Februar 2006) kam in Pasadena, Kalifornien zur Welt. Obwohl bei ihr als Kind Dyslexie festgestellt wurde, machte sie einen Abschluss am Pasadena City College und schrieb sich an der California State University in Los Angeles ein. Schon als Kind verfasste sie erste Kurzgeschichten, und 1969/70 besuchte sie zwei Autoren-Workshops, bei denen sie unter anderem mit Harlan Ellison in Kontakt kam, der ihr half, 1976 ihren ersten Roman bei einem Verlag unterzubringen. In ihrem mehrfach mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichneten Werk geht es immer wieder um Genderfragen und kulturelle Identität. Sie lebte und arbeitete bis zu ihrem Tod in Seattle, Washington.

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Finsternis

Formt das Licht

Wie das Licht

Die Finsternis formt.

Der Tod

Formt das Leben

Und das Leben formt

Den Tod.

Auch das Universum

Und Gott

Teilen diese Zweiheit.

Sie bedingen einander.

Gott

Formt das Universum

Und das Universum

Formt Gott.

EARTHSEED:
DIE BÜCHER DER LEBENDEN

VON LAUREN OYA OLAMINA

Erinnerungen an andere Welten
von Taylor Franklin Bankole


Ich habe gelesen, die Zeit des Aufruhrs, die von Journalisten nur »die Apokalypse« oder, noch zynischer, »die Syphilis« genannt wird, habe von 2015 bis 2030 gedauert – anderthalb Jahrzehnte Chaos. Aber das stimmt nicht. Die Syphilis war eine weit längere, qualvolle Episode. Das alles hat lange vor 2015 begonnen, vielleicht sogar vor der Jahrtausendwende. Und vorbei ist es auch noch nicht.

Ich habe auch gelesen, dass die Syphilis durch zufällig zeitgleich ablaufende klimatische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen ausgelöst worden sein soll. Es wäre ehrlicher zu sagen, sie wurde von unserer Weigerung ausgelöst, uns mit den offensichtlichen Problemen in diesen Bereichen auseinanderzusetzen. Problemen, die wir selbst angestoßen hatten: Und dann haben wir uns zurückgelehnt und zugesehen, wie sie sich zu Krisen entwickelten. Manche Menschen leugnen, dass es so war, aber ich bin Jahrgang 1970. Ich habe genug gesehen, um die Wahrheit zu kennen. Ich habe miterlebt, wie die Bildung zu einem Privileg der Reichen verkommen ist, statt als Grundpfeiler einer zivilisierten, fortdauernden Gesellschaft zu dienen. Ich habe mit angesehen, wie Bequemlichkeit, Profitgier und Untätigkeit zu vorgeschobenen Rechtfertigungen für immer umfassendere und riskantere Angriffe auf die Umwelt wurden. Ich musste zusehen, wie Armut, Hunger und Krankheit für immer mehr Menschen unvermeidbar wurden.

Insgesamt wirkte die Syphilis wie ein Dritter Weltkrieg auf Raten. Rund um die Erde waren damals schon kleinere, blutige Kriege im Gange. Unsinnige Angelegenheiten – eine Verschwendung von Ressourcen und Menschenleben. Man gab vor, die Waffen aus reinem Selbstschutz auf bösartige, ausländische Kräfte zu richten. Allzu oft wurde gekämpft, weil unfähige Staatschefs sich nicht anders zu helfen wussten. Staatschefs, die gelernt hatten, patriotische Unterstützung für ihre Kriege durch Angst, Misstrauen, Hass, Not und Gier zu schüren.

Mittendrin verloren die Vereinigten Staaten aus irgendeinem Grund eine gewichtige, nicht-militärische Auseinandersetzung. Sie verloren keinen bedeutsamen Krieg, und doch überlebten sie die Syphilis nicht. Vielleicht verloren sie aus den Augen, was sie einst hatten sein wollen, und stolperten dann blind voran, bis ihnen die Puste ausging.

Was jetzt von diesem Land übrig ist, was aus ihm geworden ist, erkenne ich nicht wieder.

Taylor Franklin Bankole war mein Vater. Seinem Schreibstil nach zu urteilen, war er ein aufmerksamer, etwas förmlicher Mann, der mit meiner merkwürdigen, dickköpfigen Mutter zusammenkam, obwohl sie beinahe jung genug war, um seine Enkelin zu sein.

Offenbar hat meine Mutter ihn geliebt und war glücklich mit ihm. Er und meine Mutter lernten sich während der Syphilis kennen. Beide waren obdachlose Vagabunden. Er war allerdings siebenundfünfzig und Arzt, seine Familie hatte eine Praxis – sie dagegen war ein achtzehnjähriges Mädchen. Beide hatten durch die Syphilis Schreckliches erlebt. Beide hatten ihre Nachbarschaft verloren – er in San Diego und sie in Robledo, einem Vorort von Los Angeles. Das schien als Gemeinsamkeit auszureichen. Sie lernten sich 2027 kennen und lieben, heirateten schließlich. Zwischen den Zeilen der Schriften meines Vaters lese ich, dass er sich um dieses seltsame Mädchen kümmern wollte, das ihm über den Weg gelaufen war.