: Uwe Fleckner
: Im Schatten der blauen Pferde Roman
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641290078
: 1
: CHF 4.50
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: Erzählende Literatur
: German
: 368
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Raffiniert erzähltes Romandebüt um eines der großen Rätsel der Kunstgeschichte

Maximilian Kisch ist ein Besessener. Schon sein halbes Leben jagt der Kunsthistoriker vergeblich ein verschwundenes Gemälde des Blaue-Reiter-Malers Franz Marc. Dessen Spuren verloren sich nach der Münchner Ausstellung »Entartete Kunst« in der privaten Sammlung Hermann Görings. Seitdem rätselt die Kunstwelt über den Verbleib. Ein letztes Mal will Max im Getty Center in Los Angeles Nachlässe auf neue Hinweise durchforsten – und macht, unterstützt von seiner Kollegin Jessica Steiner, tatsächlich einen erstaunlichen Fund. In ebenso spannenden wie historisch belegten Rückblenden erzählt Uwe Fleckner die Geschichte des berühmten Gemäldes: von seiner Entstehung, seinen Sammlern, einer trickreichen Entführung und einem ungeheuren Verdacht.

Uwe Fleckner, geboren 1961 in Dortmund, hat Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und Hamburg studiert. Seit 2004 ist er Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg, Leiter der von ihm gegründeten Forschungsstelle »Entartete Kunst« in Hamburg sowie einer der Direktoren des dortigen Warburg-Hauses. Fleckner ist Autor zahlreicher Buch- und Aufsatzpublikationen, unter anderem zur »entarteten« Kunst, zur Kunst der Moderne und zur politischen Ikonografie sowie Mitherausgeber der Gesammelten Werke Carl Einsteins und Aby Warburgs. Mit »Im Schatten der blauen Pferde« legt er sein Romandebüt vor.

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Die Pferde, immer waren es die Pferde, die mich retteten. Unerträglich das blutige Gemetzel, unerträglich die eigene Schuld. Und doch, mein Kopf am warmen Leib des Tieres, ein Geruch wie klammes Herbstlaub, in den dunkel durchwachten Stunden der Nacht, immer dann, wenn es nicht mehr auszuhalten ist. Meine Tränen auf dem glatten Fell, Farbtropfen gleich, die zäh von der Leinwand fließen, die Finger ziehen feuchte Linien über den Körper, mit einer letzten malerischen Geste zeichnen sie die Formen des Tierleibes nach. Tränenmalerei, immerhin. An einem richtigen Bild habe ich schon lange nicht mehr gearbeitet, aber die vielen Skizzen, die hier an der Front entstanden sind, meine kleinen Blätter, fatale Abstraktionen, sie werden mir den Weg weisen, hoffe ich, wenn nach dem mörderischen Schlachten endlich eine neue Kunst mich mit der Welt aussöhnen soll. Und auch jetzt noch ist es das Pferd, dem allein ich mich anvertrauen kann; die beruhigende, schützende Kraft der treuen Kameradin, meiner Fuchsstute, sie trägt mich durch mein Schicksal. Eng verbunden ziehen wir über die Landstraße, ein Kentaur in den Wiesen von Braquis auf der Suche nach den französischen Lapithen. Verflucht, dass mir noch immer diese Bildungsfloskeln durch den Kopf treiben, die ich aus meiner Malerei doch endgültig verbannt hatte. Seltsamer Name eigentlich, dieses Braquis, wie zum Hohn erinnert er mich an den Maler, von dessen Werken wir so viel gelernt haben. Dem bin ich nie begegnet, leider, steht jetzt auf der anderen Seite der Schützengräben. Nun schießen wir aufeinander, das muss wohl so sein, aber grauenhaft ist es trotzdem. Und Picasso. Doch der ist Spanier, der kommt sicher davon, ist uns allen immer überlegen gewesen, ich geb’s ungern zu, aber es ist wahr. Da drüben ist Verdun. Nicht zu sehen, zu weit weg, trotz der gläsernen Luft, die mir in den Augen und auf den Wangen brennt, viel zu kalt für diese Jahreszeit. Dass wir nicht durchbrechen können, tiefer nach Frankreich hinein, obwohl unsere Mannschaften verzweifelt ihr Leben lassen. All die furchtbaren Verluste, Tote jeden Tag, überall Tote, auf beiden Seiten der Front. Aber dennoch eine gerechte, unausbleibliche Sühne für den Aussatz unserer Seelen. Ein Fegefeuer, eine Reinigung zumindest, der Krieg hat alles so klar gemacht, vielleicht der einzige Sinn, die einzige Hoffnung, die uns im Sinn- und Hoffnungslosen noch bleibt. Rücksichten werde ich jedenfalls keine mehr nehmen in meiner Kunst, wenn ich’s denn bloß überlebe, wenn bloß meine Seele zurückkehrt in diesen toten Automaten. Entsetzliche Bilder habe ich gesehen, wie zu unserem Spott in die Landschaft gemalt, Trümmer und verrenkte Leiber, wie sie nicht einmal die kubistischen Teufelskerle gewagt hätten. An den Leichengeruch gewöhne ich mich nie, schlimmer als der Anblick der toten Menschen, von überallher kriecht er mir ins Gemüt, nicht auszuhalten ist das. Doch im freien Gelände ist alles so frisch und ruhig, weit weg vom Elend der vergangenen Tage. Langsam geht unser Ritt voran, Heinrich, mein Bursche, wie immer tapfer neben mir. Feindaufklärung, welch ein Irrsinn, ach Franz, wir sind ja selber nicht aufgeklärt, witzelte Müller noch gestern Abend im Quartier, und der sonst so hartgesottene Leutnant verzog sein Gesicht zu einer bitteren Grimasse. Immerhin ein Dach über dem Kopf, hatten wir ewig nicht mehr, auch wenn es überall in die Ruine hereinregnet, Tropfsteinhöhle, auch so ein Frontkalauer, nun ja, wir werden sehen, wie lange unsere Kolonne im verwüsteten Schloss stationiert bleiben kann. Und die Pferde, die armen Pferde, endlich mal wieder abgesattelt über Nacht. Eigentlich ganz schön hier auf der friedlichen Straße. Felder, Wiesen, Wälder, sanfte Hügel breiten sich vor mir aus. Hinter mir ragt der Kirchturm von Braquis ins kalte Blau. Wir bringen einander um und beten dennoch zum gleichen Gott. Aber kann man das überhaupt noch beten nennen? Verzweifelt beschwören wir eine Macht, die uns im