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Buck Boy
Wir proben grade über Mr Woos Lebensmittelladen und chinesischem Take-away, als Folgendes passiert:
Wir hören Schüsse.
Erst mal lassen wir unsere Instrumente fallen und legen uns flach auf den Boden, weil du in The Bottom nicht weißt, wer die Guten sind. Dann hören wir Mr Woo unten schreien und rennen runter und sehen ihn über Buck Boy Robinson stehen.
Buck Boy ist so um die siebzehn, denk ich. Was kaum mehr wichtig ist, weil er tot auf’m Boden liegt. Da ist kein Leben mehr drin. Überall Blut. Buck Boy, tot, wie er ist, hat noch ein Messer in der einen und ein Bündel Dollarscheine in der andern Hand. Die hält er fest, als wollte er sie nie wieder loslassen.
Mr Woo ist ein kleiner alter Mann mit gelbem Strohhut. Ob er Chinese oder Koreaner ist, weiß ich nicht, aber er lässt meine Band umsonst über seinem Laden proben. Er hat ’ne Knarre in der Hand, lässt sie fallen, als würde sie gleich explodieren, läuft im Kreis rum, ringt die Hände und redet auf Chinesisch oder so. Ich versteh kein Wort.
Zwei Bullen sind gleich da und jagen alle aus dem Laden. Sie machen ihn zu und nehmen die Knarre vom Boden. Wir bleiben drin, weil wir Zeugen sind. Der eine Bulle fragt Mr Woo, was passiert ist.
»Er wollte mich ausrauben«, sagt Mr Woo. Ihm scheint nicht zu heiß zu sein. Er ist blass und sieht aus, als hätte ihm einer in den Bauch geboxt. Die Bullen haben ganz schön damit zu tun, das Geld aus Buck Boys Hand rauszukriegen. Am Ende schaffen sie’s und geben es Mr Woo, aber der schüttelt den Kopf.
»Bringt ihn nur endlich raus hier«, sagt er. Er kuckt Buck Boy dabei nicht an.
Mittlerweile ist die ganze Nachbarschaft da, einschließlich Buck Boys Schwester Victoria, die draußen steht und brüllt und schreit. Die Bullen fragen uns Sachen, aber wir haben echt nichts gesehen, und dann rufen sie einen schwarzen Transporter, der Buck Boy abholt. Das dauert ’ne Weile, aber Buck Boy, der hat’s nicht eilig. So sitzen wir ’ne halbe Stunde da: ich, Dex, Goat, Bunny, Dirt, die Bullen, Mr Woo und Buck Boy. Mir ist aufgefallen, dass Buck Boy ein Paar nagelneue weiß-violette Sneakers anhat.
Niemand hier hat Buck Boy wirklich gemocht. Er hat immer nur Ärger gemacht und war wiePCP in der Birne, irgendwas, was dich irre macht. Drogen waren sein Ding, aber geklaut hat er alles. Ein Portemonnaie, die Chromteile von ’nem Auto, oder gleich die ganze Karre. Das Schlimmste war, wie er vor zwei Jahren den kompletten Schulbus geklaut hat, als wir mit drin waren. Auf dem Boulevard hat er ’ne Laterne gerammt, uns ziemlich dabei zugerichtet, und dann ist er weggelaufen. Ich glaube, eingelocht haben sie ihn deswegen aber nicht.
Und so heult keiner zu sehr, als wir Buck Boy aus Mr Woos Laden raustragen, nur seine Schwester Victoria. Es ist irgendwie traurig, weil Buck Boys Mutter sich nie um ihn gekümmert hat, als er ein kleiner Junge war, und ich hab gehört, dass sie auch Drogen nimmt. Die ganze Familie ist kaputt.
Grade als sie Buck Boy in die schwarze Karre laden, kommen die Fernsehleute mit ihren Ü-Wagen angerast. Sie sind das ganze Stück von Morgantown in West Virginia hergefahren, fünfundvierzig Kilometer über die Grenze, obwohl das hier doch Uniontown in Pennsylvania ist, ein ganz andrer Staat. Den Nachrichten ist das egal. Nachrichten sind Nachrichten. Und The Bottom ist immer gut für die Nachrichten. Weil’s hier meist s