Berlin 2016
Lichtpunkte
Die Lichtpunkte der Hochhausfassade vor meinem Balkon lesen sich wie ein Sternbild. Balkone formieren sich zu endlosen Wiederholungen, pixelige Reflexionen gegen den Himmel wie in einem gigantischen Mosaik aus Leerstellen. Ich stehe dort manchmal abends und höre den Geräuschen zu, die aus den Blöcken kommen. Ich frage mich, wie mein Leben hätte verlaufen müssen, um mich wie die Menschen dort in einer der gegenüberliegenden Wohnungen wiederzufinden, in einem Zuhause mit mir vertrauten Menschen und Familienfotos an der Wand. Ich kann mir so schlecht vorstellen, dass ich hier auf dem Balkon eines Berliner Plattenbaus stehe und gleichzeitig ein Teil von mir zu einem ganz anderen Land gehört. Als wären die Orte auf seltsame Weise verhakt, ein Zeitgitter, das mich komplett überfordert. Aber ich stehe ja hier, denke ich. Das ist ja real.
In meiner Wohnung gibt es keine Fotos an der Wand. Sie sieht nach über zehn Jahren immer noch aus, als wäre ich nur übergangsweise hier. Statt Familienfotos habe ich lediglich ein großes Flipchart-Papier an der Wand, das ich kurz vor meiner Reise wieder hervorgeholt hatte, um mich ein wenig zu orientieren. Manchmal schaue ich mir abends die gezackten und gekreuzten Linien darauf an. Sie sehen aus wie die Umrisse der Hochhausfassade, die sich in meinem Kopf festgesetzt haben. Ein Familienentwurf. Ich betrachte die Verbindungen zwischen den Angehörigen auf dem Genogramm, das ich vor ein paar Jahren während meiner Ausbildung hatte zeichnen müssen. Eine einfache Linie für eine Partnerschaft, eine doppelte für eine Ehe, eine durchgestrichene für eine Trennung oder Kontaktabbrüche, eine gezackte für eine »konfliktreiche Beziehung«, eine gestrichelte für unsteten Kontakt. Mein Koffer ist vollgestopft mit Haribo ohne Gelatine und Merci-Schokolade und kurz vor dem Platzen. Ich hoffe, es wird reichen.
»Wann kommst du endlich nach Iran?«, hatte mein Vater immer am Telefon gefragt. »Ich weiß nicht, wenn ich mit den Prüfungen fertig bin, irgendwann.« Ich hatte immer gerade Prüfungen. Eigentlich hatte ich es nie wirklich vor. Mein Leben lang hatte mich meine Mutter davor gewarnt, in »so ein Land« zu reisen. Ich konnte ja bis auf ein paar Floskeln nicht mal Persisch. Ich konnte mir auch lange Zeit nicht vorstellen, was es dort zu entdecken gäbe, außer einer Menge Vorschriften und »Schwierigkeiten«, über die mein Vater sich immer am Telefon beklagte. Mein Vater und ich hatten uns ohnehin nicht wirklich viel zu sagen. Alles an ihm erschien mir weit weg, schon immer. Andererseits ließ mich der Gedanke, einmal die Grenzen niederzureißen und »dieses Land« mit eigenen Augen zu sehen, nicht mehr los. Bei meinen Freunden in Berlin besaß Iran sogar einen gewissen Coolnessfaktor. Außerdem machte mein Vater keinerlei Anstalten, erneut nach Deutschland zu kommen. Ich vermisste ihn eigentlich nicht, wie man eben einen Unbekannten nicht vermissen kann. Er verschwand nie richtig, sondern blieb eine nicht ausgesprochene Frage. Seit seinem letzten Besuch in Berlin, der inzwischen fünf Jahre her ist, haben wir uns nicht mehr gesehen.
Vor vier Monaten dann rief er mich wieder an, wie immer Freitagvormittag, der freie Tag in Iran und kurz vor meiner Mittagspause in der Klinik. Auf meinem Handy, das auf meinem Mensatablett lag, leuchtete die ganze Zeit »Papa Iran« auf. Ein Kollege fragte: »Willst du nicht drangehen? Scheint wichtig zu sein.« Was sollte schon Wichtiges sein? Ich schob das Handy diskret zur Seite. Mein Vater erreichte mich später, um mir beiläufig zu erzählen: »Nilufar,