: Arne Jensen
: Etwas verborgen Schönes Roman
: Heyne Verlag
: 9783641288907
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 576
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
„Wenn man dem Herzen keinen Raum gibt, stirbt es.“

Uckermark, 2022: Ein altes Gutshaus nicht weit vom Nirgendwo entfernt, mitten im Juli. Die Neunzigjährige Ottilie Rabe versammelt ihre weit verzweigte Verwandtschaft, um ihren Nachlass zu regeln. Doch das Treffen reißt alte Wunden auf. Vor allem will sie einem blinden Fleck in ihrer Erinnerung nachgehen. Denn Ottilie hat über Jahrzehnte etwas verheimlicht, und das ist so ungeheuerlich, dass es ihrer aller Leben für immer verändern wird.

Berlin, 1944: Ein hochrangiger Gestapo-Offizier wird tot in seiner Wohnung aufgefunden, er wurde mit einem Hammer erschlagen. Der ermittelnde Kriminalrat Werner Beltheim steht unter großem Druck, den Fall rasch aufzuklären. Dringend tatverdächtig ist die Tochter des Toten, die neben ihm auf einem Hocker sitzt. Ihr Name ist Ottilie Rabe …

Arne Jensen war lange Arzt und in der Traumatherapie tätig und interessierte sich schon früh für die jüngere deutsche Geschichte und deren Folgen für die Nachkriegsgeneration. „Etwas verborgen Schönes“ ist sein erster Roman im Heyne Verlag, in den er sein Spezialgebiet familiäre Kriegstraumata einfließen lässt. Arne Jensen lebt mit seiner Familie in Hamburg und Schleswig-Holstein.

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Berlin, April 1944

In der Wohnung roch es stark nach Kohlebrand. Ihre Mutter hatte wohl den Kaminzug etwas zu weit geschlossen. Oder ihr Bruder Ludwig. Zwar gab es in dem modernen Bau bereits eine Zentralheizung, aber in der Stube stand auch noch ein Ofen. Für die Gemütlichkeit. Heute Abend würde es folglich mächtig Ärger geben. Denn ihr Vater mochte den Schwefelgestank der billigen Braunkohle nicht. Und kleine Anlässe genügten, seinen Zorn zu entfachen.

Ottilie stand im Schlafzimmer ihrer Eltern. Alle nannten sie Lili, nur ihr Vater nicht. Ihr Blick war jetzt auf das große Fenster gerichtet, das zum Hinterhof wies. Durch den nur einen Spalt weit geöffneten Fensterflügel drang kühle, feuchte Luft ins Zimmer. Es hatte in den letzten Tagen immer wieder geregnet, jetzt allerdings kam die Sonne durch. Lili fühlte sich unwohl. Es schien, als wäre ihre Aufmerksamkeit in diesem Moment nur auf Kleinigkeiten gelenkt. Spuren von Straßendreck auf den Dielen. Und der Schirm hatte getropft, an der Garderobe im Flur stand sogar eine Wasserpfütze. Ja, Vater würde außer sich sein. Er liebte den hellen, frisch gewachsten Holzboden. Auf der Fensterbank und dem Sims lag etwas Schmutz. Lili erkannte auf der Anrichte eine ältere Ausgabe desVölkischen Beobachters. »Festung Sewastopol uneinnehmbar!«, verkündete das Blatt vollmundig. Winzig kleine Staubkörner schwebten vor ihren Augen, das Licht brach sich an ihnen als heller Pfeil und zeigte auf einen Herrenhalbschuh neben dem Bett. Dort, an dicken, glänzenden Tropfen, flammte es jäh auf in dunklem Rubinrot. Das herrlich feine Hirschleder war sicherlich ruiniert. Die Farben und kleinen Flocken, die neckisch darüber tanzten, gaben allem einen unwirklichen, beinahe zauberhaften Schimmer.

Rubin und Silberfaden, dachte sie und erinnerte sich an die Märchen, die ihre Großmutter so oft erzählt hatte. Die Edelsteine wurden von Feen im letzten Glühen des Abendlichts erschaffen, hatte sie gesagt. Und das feine Metall wurde von ihnen aus dem Tau der Wiesen am Morgen gesponnen. Vielleicht schützte dieses geheime Wissen den Menschen vor dem Irrsinn der Wirklichkeit? Ihr Onkel hatte zu Märchenmusik getanzt. Vor dem Krieg. Lili drückte das Paar abgetragener Spitzenschuhe an sich. Onkel Anton hatte schon immer Leinen bevorzugt. Folglich musste sie besonders achtgeben, denn ihre Hände waren schmutzig geworden. Mit Sorge musterte sie einen kleinen, roten Fleck auf dem Stoff. Sie würde Oma fragen, wie sie ihn wieder herausbekäme.

Während die junge Frau nur dastand, wanderte der Lichtpfeil langsam weiter zum Kopfende des Bettes. Der Körper des Vaters lag seltsam verrenkt, ein Arm auf dem Nachttisch, als hätte er eben nach einem Buch greifen wollen. Die Strahlen des harten Sonnenlichts spiegelten sich im Glas der teuren Armbanduhr. Es war gesprungen. Wie kleine Adern strebten die Risse einer Mitte zu. Fast perfekt, nur im Bereich der Zeiger waren sie leicht verschoben und eingedrückt. Lili bemerkte einen Schimmer in den Augen ihres Vaters. In ihnen lag ein Staunen, als hätten sie den Sinn des Lebens im letzten Augenblick noch erfasst. Doch sie waren trüb, in der Tiefe war nur noch ein bleiches Blau zu erahnen.

Lilis Verstand schien auf seltsame Weise blockiert. Alle Eindrücke blieben irgendwie stecken. Ihre Augen sahen zwar, ihre Ohren hörten. Sie spürte den Luftzug durch das Fenster und nahm den ungewöhnlichen Geruch im Zi