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Auf der riesengroßen Leinwand spielte sich ein blutrünstiger Mord in klassischem Schwarz-Weiß vor hundertsieben Augenpaaren ab. Doch als die Violinen, Bratschen, Cellos kreischten, waren es nur noch hundertsechs.
Im Gegensatz zu Marion Crane schrie Chanel Rylan weder gellend auf, noch ruderte sie hilflos mit den Armen, bevor sie starb. Sie saß in Reihe 27 im Saal drei derVideo-Galaxy, die am New Yorker Times Square lag. Als der Eispickel ihr in den Nacken gestoßen wurde, brachte sie ein kaum hörbares Quietschen hervor.
Sie zuckte einmal leicht, und als der kleine Eimer Popcorn, den sie sich geleistet hatte, auf den Boden fiel, stieß sie noch einen letzten, langgezogenen Seufzer aus.
Sie starb im Dunkeln, während auf der Leinwand schwarzes Blut in Strömen durch den Abfluss der mit einem Vorhang statt mit einer festen Abtrennung versehenen Duschkabine lief.
Niemand nahm Notiz davon. Da alle wie gebannt nach vorne auf die Leinwand sahen, bemerkte niemand, wie der Killer aufstand und den Ort der dunklen Tat verließ.
Dann kam Lola Kawaski wieder in den Kinosaal, ließ sich auf den Sitz am Anfang ihrer Reihe fallen und fluchte leise: »Mist, jetzt habe ich die große Szene doch verpasst. Auch den ganzen Rest kann ich nicht mehr sehen. Ich hätte nicht so blöd sein sollen, freiwillig den Bereitschaftsdienst zu übernehmen, denn jetzt haben wir natürlich einen Notfall hereingekriegt, und ich …«
Sie griff entschuldigend nach Chanels Arm. Durch die Berührung änderte die tote Freundin ihre Position und sackte gegen sie.
Deren übertriebene Dramatik war einmal wieder typisch für Chanel, dachte Lola und grinste, doch dann fing sie an zu schreien.
Lieutenant Eve Dallas schaute sich die Tote an. Jemand hatte erste – oder eher, letzte – Hilfe leisten wollen, das Opfer in den Gang gezerrt und dadurch alle Spuren, die sie vielleicht hätten sichern können, verwischt.
Das hatte ihr an dem im Grunde freien Abend gerade noch gefehlt. Sie war tatsächlich einmal pünktlich von der Arbeit heimgekehrt, um zu genießen, dass Roarkes Butler Summerset im Winterurlaub war.
Sie war sogar vor ihrem Mann zu Hause angekommen und hatte das gesamte, riesengroße Haus und ihren Kater einmal ganz für sich gehabt.
Sie hatte überlegt, von Raum zu Raum zu joggen, was bei der enormen Zimmerzahl ein halber Marathon geworden wäre, aber dann war sie in einen Salon geschlendert, der mit seinen warmen Farben, den antiken Möbeln und den teuren Bildern an den Wänden elegant, doch gleichzeitig behaglich wirkte. Sie hatte sich mit einem Glas Wein in einen der zwei Ohrensessel am Kamin gesetzt und sich gesagt, am besten striche sie sich diesen butler- und dazu noch arbeitsfreien Februarabend im Kalender für das Jahr 2061 an.
Zu ihren Füßen hatte Galahad gesessen und sie fragend angesehen.
»Ich weiß, es ist ein bisschen seltsam, dass ich einfach nur hier sitze«, hatte sie ihm zugestimmt und ihre langen Beine in den winterfesten Stiefeln ausgestreckt.
»Aber ich könnte mich durchaus daran gewöhnen«, hatte sie hinzugefügt, bevor