1. Kapitel
Holsteinische Straße 23, Berlin-Wilmersdorf
Freitag, 8. April 1977
Ich bin einfach nur müde und erschöpft. Am liebsten würde ich überhaupt nicht mehr aufstehen.
MARIABORCHARDT
Sie blickte einen Moment lang in den Spiegel, beugte sich dann hinunter zum Waschbecken und benetzte ihr Gesicht wieder und wieder mit kaltem Wasser. Dann trocknete sie es ab und sah erneut in den Spiegel. Frischer wirkte sie nicht.
Egal, wie man es drehte und wendete, sie war in den letzten Monaten um Jahre gealtert. Wenn sie in den Spiegel sah, erinnerte dort nichts mehr an die Frau, die sie noch kurz vor Weihnachten und damit vor dem Selbstmord ihres Mannes gewesen war. Jetzt hatte sie aufgequollene Tränensäcke unter ihren Augen, war blass und hatte gute zehn Kilo abgenommen, was bei ihrer zuvor schon schlanken Erscheinung alles andere als förderlich war. Außerdem war sie seitdem nicht mehr beim Friseur gewesen, sodass sie nun einen breiten grauen Haaransatz hatte, der in ihre ansonsten blonden Haare überging und sie einfach nur ungepflegt aussehen ließ. Es war ein reines Trauerspiel, und sie überkam eine Gänsehaut, wenn sie ihr Spiegelbild betrachtete. Also wandte sie sich ab, verließ das Bad und ging über den schmalen Flur zum Wohnzimmer. Dort setzte sie sich auf die Couch und starrte eine Weile vor sich hin. Dann sah sie auf ihre Uhr. In zwei Stunden hatte sie eine Verabredung mit Klaus Schröder, der gestern Abend noch angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass er nun endlich einen Teil der Akten der Staatsanwaltschaft bekommen hatte und diese mit ihr durchsprechen wollte. Maria wusste nicht, ob sie sich darauf freuen oder davor fürchten sollte, obwohl damit vielleicht endlich etwas Licht ins Dunkel kam und sie so einige Antworten erhalten könnte auf die vielen Fragen, die seit Heiligabend in ihrem Kopf surrten wie Bienen in einer Honigwabe.
Auch wenn mehr als drei Monate vergangen waren, konnte sie nicht begreifen, was wirklich geschehen war. Wer war der Mann gewesen, mit dem sie verheiratet gewesen war und mit dem sie mehr als die Hälfte ihres Lebens verbracht hatte?
Seit die Polizei an Heiligabend an der Tür der Villa Borchardt geklingelt und der Staatsanwalt ihr den Durchsuchungsbeschluss präsentiert hatte, war nichts mehr in ihrem Leben wie zuvor. Sie hatte in dem Moment noch an einen großen Irrtum geglaubt, womöglich sogar an eine Verschwörung, war ihr doch bewusst, dass einem so wichtigen Mann wie Hanns viele nur zu gern ans Leder wollten, sei es aus Neid oder auch anderen Motiven. Sie hatte nicht glauben können, dass auch nur das Geringste dran sei an dem Verdacht, dass Hanns in betrügerische Machenschaften involviert war. Nein, nicht ihr Hanns. Sie hätte ihre Hand für ihn ins Feuer gelegt. Und nun wusste sie, dass sie sich dabei mehr als nur verbrannt hätte.
Alles, was sie in den letzten drei Monaten erfahren hatte, hatte sie den Glauben sowohl an ihren Ehemann als auch fast alle anderen Menschen, die sie kannte, verlieren lassen. Einzig ihr Rechtsanwalt Klaus Schröder hatte ihr sofort Hilfe angeboten, und auch Uschi Rebenstock, ihre Freundin, hatte ihr die Treue gehalten. Alle anderen jedoch sprachen nicht mehr mit ihr, und Maria war zu der überaus bitteren Erkenntnis gelangt, dass fast nichts an dem Leben, das sie über Jahrzehnte hinweg geführt hatte, echt gewesen war.
Sie hatte nur deshalb vermeintlich Freunde gehabt, weil sie beziehungsweise ihr Mann mit Geld um sich geworfen hatte. Und nun, d