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LOVA
»Du kannst mich lieben, du kannst mich hassen, aber wenn es etwas gibt, das du nicht kannst, dann ist es, gegen mich zu gewinnen, Baby.« Ich schnalzte mit der Zunge und warf meiner besten Freundin ein diebisches Grinsen zu, während ich mir mit dem Handtuch über den Nacken wischte, bevor ich es zusammen mit dem Tennisschläger in meine schwarze Tasche schob.
»Du bekommst gleich eins auf den Deckel«, erwiderte Tanisha lachend und holte mit ihrem Schläger aus, als ob sie mir eins überziehen wollte.
Ich schwang mir die Tennistasche über die Schulter, lief zu ihr rüber und legte ihr einen Arm um die Taille. »Tut mir schreeecklich leid.« Meine Mundwinkel zuckten belustigt nach oben.
»Ganz bestimmt, Lova. Tut es dir so überhaupt nicht.« Sie schüttelte mit einem amüsierten Schnauben den Kopf und packte den Schläger in ihre Tasche. Ihre schwarzen Braids, die ihr bis zur Brust reichten, hatte sie im Nacken zusammengebunden. Bei diesen heißen Temperaturen kein Wunder – ich trug mein hellblondes Haar auch so gut wie immer in einem hohen Pferdeschwanz.
Wir sahen uns auf dem Sandplatz noch mal um, ob wir auch nichts vergessen hatten, dann steuerten wir die Tür an, die in den hohen silbernen Zaun eingelassen war, und traten auf den hellen Kiesweg.
Ich fächelte mir Luft zu, während wir von der letzten Trainingseinheit des Tages über den Campus zurück in Richtung Hauptgebäude liefen. Heute hatte mir nicht nur die glühend heiße Augustsonne Südfrankreichs zugesetzt, sondern mir auch noch meine Trainerin die Hölle heißgemacht. Immer wieder hatte sie uns getriezt, noch besser zu spielen und bis an unsere Grenzen zu gehen. Und im Anschluss hatte ich mich zu einem kurzen Feierabend-Match mit Tanisha überreden lassen, die in einer der anderen Gruppen trainierte.
Tanisha und ich waren im ersten Jahr unserer dreijährigen Ausbildung an einer der renommiertesten Sport-Akademien der Welt: der Belladaire Academy of Athletes, die ihren Sitz hoch oben in den Bergen Monacos hatte, mit perfektem Blick über die Stadt und das Meer, wo wir gerne die Wochenenden verbrachten. Vögel zwitscherten über unseren Köpfen, und Gesprächsfetzen wehten von den Leuten herbei, die links und rechts des Kiesweges auf der Wiese saßen und miteinander lachten.
Wir wichen aus, als uns zwei Turnerinnen in Bodysuits und kurzen Shorts lachend entgegenkamen, grüßten sie freundlich im Vorbeigehen und bogen dann Richtung Turnhalle ab, die sich wie die Tennisplätze weiter hinten auf dem Campus befand.
Belladaire hatte nicht nur die besten Coaches im Tennis zu bieten, sondern auch im Schwimmen, Fechten und Turnen. Wer hier trainiert wurde, dem stand mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zukunft als Profisportler bevor. Genau das, wovon ich schon mein ganzes Leben träumte. Die Nummer eins der Weltrangliste zu werden. Das erste Mal hatte ich mit fünf Jahren in meiner Heimat Schweden, genauer gesagt in Stockholm, auf einem Tennisplatz gestanden, und mit vierzehn war ich an die Côte d’Azur – gar nicht weit entfernt von Belladaire – in ein Tennis-Internat gezogen, um dort schließlich meinen Schulabschluss zu machen. Ich hatte alles zurückgelassen – meine Familie, meine Freunde und meine Heimat, um meinen Traum von einer professionellen Tennis-Karriere zu verwirklichen. Dennoch zog sich jedes Mal, wenn ich an Stockholm, meine Eltern und meine große Schwester dachte, mein Magen zusammen, und eine Flut Heimweh überrollte mich. Selbst nach all der Zeit hatte ich mich nicht daran gewöhnt, so viel von meiner Familie getrennt zu sein.
Tanisha lächelte mich an. »Hey, hast du Lust, morgen früh eine Extra-Trainingssession einzulegen? Vormittags ist die Hitze ja einigermaßen erträglich, und ich möchte noch an meinem Inside-Out-Schlag feilen.«
»Wolltest du da nicht mit deiner Familie telefonieren?«
Da Tanisha aus Nigeria kam, sah sie ihre Familie noch seltener als ich, dafür telefonierten sie aber recht häufig.