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Sechs Mal hatte Shizuka Satomi das Außergewöhnliche erschaffen. Sechsmal hatte sie einen aufstrebenden Musiker oder eine aufstrebende Musikerin ausgebildet, geformt und zu einem Star gemacht.
Noch erstaunlicher war, dass die meisten Lehrenden einen bestimmten Stil, einen unverkennbaren Klang bei ihren Schülern kultivierten – nur Satomi tat das nicht. Ihre Schülerinnen und Schüler waren abwechselnd eiskalt, zerstörerisch, zart, verzweifelt, atemberaubend sinnlich …
Die lässige Regelmäßigkeit, mit der sie Genie um Genie herbeizauberte, war ungewöhnlich, fast schon übernatürlich. Kein Wunder, dass die Leute irgendwann angefangen hatten, sie die Königin der Hölle zu nennen.
Andererseits war es schon über zehn Jahre her, dass sie eine neue Schülerin angenommen hatte.
Und warum?
Manche glaubten, es liege an einem gebrochenen Herzen. Mit ihrem letzten Schüler, Yifeng Brian Zheng, war sie kurz vor dessen Tod in einem Café in Annecy gesehen worden. Sie hatten heiße Schokolade getrunken, Mille-feuille gegessen und miteinander gelacht. Der blendend aussehende junge Geiger hatte sich von jeder Bühne der Welt aus bei seiner Lehrerin bedankt und in einem Fernsehinterview behauptet, erst Shizuka Satomi habe ihm gezeigt, was Liebe wirklich bedeute.
Waren die beiden möglicherweise mehr gewesen als Lehrerin und Schüler?
Andere vermuteten den weit mondäneren Grund, dass Shizuka sich schlicht zur Ruhe gesetzt hatte. Die Königin der Hölle hatte Yifeng Zheng ausgebildet, vor ihm Kiana Choi, davor Sabrina Eisen und so weiter und so weiter. Sie hatte alles erreicht, was es zu erreichen gab, und kein Ziel konnte sie mehr locken.
Was auch immer der Grund für ihre Inaktivität sein mochte, von Jahr zu Jahr gingen immer mehr Leute davon aus, dass die Königin der Hölle nie wieder jemanden unterrichten würde.
Idioten.
Seit zehn Jahren war Shizuka Satomi auf der Suche und streckte ihre Fühler nach geeigneten Kandidaten aus: in Lausanne, danach in Salzburg, Sydney und jüngst in Tokio.
Für nichts und wieder nichts.
An Bewerbern hatte es nicht gemangelt. Musiker und Musikerinnen kamen und gaben ihr alles, was sie hatten, alles, was sie sich vorstellen konnten.
Als wäre das, was sie sich vorstellen konnten, auch nur annähernd genug.
Andere in Shizukas Umfeld, darunter auch Tremon Philippe persönlich, sagten, sie sei zu wählerisch, vielleicht sogar ungerecht. Während der letzten zehn Jahre musste doch sicherlich jemand Geeignetes dabei gewesen sein.
Natürlich waren welche dabei gewesen.
Ihre letzten sechs Schülerinnen und Schüler waren wie eine Perlenkette gewesen. Genie reihte sich an Genie, und doch war Shizuka von Mal zu Mal bewusster geworden, dass etwas nicht stimmte. Nein, dass etwasfehlte. Sie sah ihre Schüler aufsteigen und wieder fallen, sah sie erstrahlen und verbrennen und verspürte eine immer stärker werdende Seh