Bei Nacht und Nebel
Mias Herz klopfte wie wild, als sie mitten in der Nacht mit ihrer Mutter den Weg hinunter zum See lief. Durch den Nebel konnte sie kaum etwas erkennen. Ihre Schritte knirschten unheimlich auf dem Schotter. Der Schrei einer Eule verriet ihre Ankunft. Mia fröstelte, am liebsten wäre sie sofort wieder umgekehrt, aber das Taxi, das sie vor der Einfahrt rausgelassen hatte, war schon im Nebel verschwunden. Ihr war, als sähe sie Schatten umherhuschen. Oder waren das Fledermäuse, die über ihnen durch den Himmel sausten?
Sie gingen weiter, und langsam wurden die Umrisse eines großen, alten Gebäudes deutlich. Wie ein Schloss sah es aus, oder ein Museum. Doch über dem mächtigen Portal prangte in goldenen Buchstaben:
Mehrere Türmchen mit grünen Kupferdächern kamen zum Vorschein, Balkone mit verwobenen Geländern, alte Fensterläden. Die dunklen Fenster sahen aus, als blickten düstere Augen durch den Nebel. Das also sollte ihr neues Zuhause sein? Es kam ihr völlig irreal vor.
»Und, wie gefällt dir unser neues Zuhause?«, fragte prompt ihre Mutter Marlen, während sie mühsam die vollgepackten Koffer Richtung Eingangstreppe schob.
»Spukt es wirklich da drin?«, entgegnete Mia besorgt.
»Ja, aber sag es keinem weiter.« Marlen zwinkerte ihr zu und lachte.
Mia runzelte die Stirn. War das jetzt ein Scherz, oder meinte ihre Mutter es ernst? Wäre es nicht absolut beängstigend und furchterregend – wahrscheinlich sogar ernsthaft gefährlich! –, sich hier aufzuhalten, wenn es wirklich Geister im Hotel gab? Ein Schauer lief ihr über den Rücken. In was war sie da nur hineingeraten? Sie zog ihre Kapuze hoch. Ihre leichte Sweatjacke war völlig unzureichend für dieses miese deutsche Wetter.
Kaum zu glauben, dass sie vor weniger als 24 Stunden noch in der Karibik gewesen war. Sie sehnte sich jetzt schon zurück auf die Queen Esmeralda, das Kreuzfahrtschiff, auf dem sie bisher zusammen mit ihren Eltern gelebt hatte. Ihre Mutter Marlen war dort Küchenchefin und ihr Vater der Kapitän. Sie überquerten Ozeane, kreuzten durch die Südsee und ankerten in jedem Winkel der Erde. Mia kannte die ganze Welt. Also, fast jedenfalls. Denn von einem wichtigen Teil dieser Welt verstand sie gar nichts: Sie hatte noch nie an Land gelebt, war nie in eine normale Schule gegangen und hatte nie richtige Freundinnen gehabt.
Das alles sollte sich jetzt ändern. Nach einem großen Streit hatten ihre Eltern beschlossen, vorerst getrennte Wege zu gehen. Das war schon schlimm genug. Aber dann war ihre Mutter auch noch übereilt und ohne Vorwarnung mit ihr abgereist. Und jetzt stand sie hier, mitten in der Nacht, müde und verängstigt am gruseligen Arsch der Welt.
Mia schaute sich um. Das Hotel war umgeben von dem dichten Wald, durch den sie von der Straße aus gekommen waren. Die Eule hatte aufgehört zu schreien, stattdessen hörte Mia jetzt tiefes, knarzendes Quaken. Waren das Frösche? Leises Geplätscher verriet,