Ich vs. Intrusive Gedanken
Gegen ein feines kleines Drama hatte ich noch nie etwas einzuwenden. Mein perfektes Abendprogramm sieht in etwa so aus:
1. Akt: Ein streitendes Paar am Nebentisch, der Typ hat ganz eindeutig Mist gebaut, und das Mädel hat ihn auf die Hörner genommen.
2. Akt: Eine Meinungsverschiedenheit im Pub, der Kunde ist König, aber das Personal bekommt nicht genug Geld, um einfach nett lächelnd nachzugeben, und bleibt stattdessen stur.
3. Akt: Ein Kräftemessen zwischen einem Jugendlichen, der im Bus in voller Lautstärke irgendein Spiel auf seinem Smartphone daddelt, und einer Frau, die der Meinung ist, öffentliche Transportmittel sollten ein Ort der Ruhe und Meditation sein.
Wie gesagt, für ein bisschen Drama im Leben der anderen bin ich immer zu haben. Aber in meinem eigenen Leben? Nein, danke. Das ist nichts für mich, Leute.
Trotzdem spiele ich in meiner eigenen Existenz eindeutig die Hauptrolle. Als Jugendliche bin ich durch unser Haus spaziert und habe vor erfundenen Kameras für meine erfundene Reality-ShowHayley hängt im Haus ab posiert. Wie eine Bloggerin kommentierte ich meine unglaublich schlechte Make-up-Routine und kochte Nudeln, als würden Heerscharen von Fans mir begeistert von zu Hause aus zusehen. Manchmal vergaß ich dabei sogar, dass meine Sendung gar nicht echt war, und überzeugt davon, dass mein damaliger Schwarm mir zusah, räumte ich die Spülmaschine noch ein bisschen verführerischer aus als sonst. Ups, habe ich grade echt einen sexy Squat gemacht, um den Geschirrspüler-Tab aus dem Schrank zu holen? Das war nur für dich, Nathan.
Eigentlich hat mich vor allem die Stimme aus dem Off – so habe ich sie am Anfang genannt – zur Hauptperson gemacht. Von morgens bis abends war da diese Stimme in meinem Kopf, die jede einzelne meiner Bewegungen kommentierte – und es war nicht meine eigene Stimme. Ich lebte in meinem persönlichen Film, aber ich fühlte mich ganz und gar nicht wie ein Star. Als es das erste Mal passierte, war ich sechs Jahre alt. Ich war gerade in einer Disney-Phase und hatte die ganzen traurigen Filme gesehen, in denen die Eltern von irgendwelchen Tierkindern sterben. Wer ist bloß auf so eine bescheuerte Idee gekommen? Sollen diese Filme Eltern etwa dabei helfen, mit ihren Kindern über den Tod zu sprechen? Ein ziemlich traumatisierendes Erlebnis, wenn man mich fragt. Ich bin immer noch nicht über den Tod von Bambis Mutter hinweg. (Achtung Spoiler.)
Eines Abends, ich lag schon im Bett und war kurz davor einzuschlafen, flüsterte mir die Stimme ins Ohr:Stell dir vor, deine Eltern sterben auch plötzlich. Woher kam diese Stimme? Ich wusste es nicht. Es war weder meine noch die von Mum oder Dad, und auch nicht die von einem der Disney-Charaktere. Solche Gedanken hatte ich vorher noch nie gehabt. Mir war nie in den Sinn gekommen, dass meine Eltern sterben könnten, eine Welt ohne sie konnte ich mir einfach nicht vorstellen. An jenem Abend weinte ich mich in den Schlaf.
Mit der Zeit wurde die Off-Stimme zu einer ständigen Begleiterin. Von morgens bis abends, von dem Moment, in dem ich aufwachte, bis zur Sekunde, in der ich einschlief, musste ich mir anhören, wie sie meinen Tag beschrieb, mir Fragen stellte und mir neue, oft furchterregende Gedanken in den Kopf pflanzte.
Mit fünfzehn ergatterte ich meinen ersten richtigen Job – als Kellnerin. Wenn ich bei der Arbeit war und meine immer gleichen, monotonen Aufgaben erledigte, war die Stimme meistens still. Und dann, an einem ganz normalen Sonntag, als ich gerade ein Tablett mit Gläsern zu einem Tisch trug, hörte ich sie:Was, wenn du plötzlich stolperst und mit dem Gesicht in einem Haufen Glasscherben landest?
Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass die Stimme vielleicht die Zukunft vorhersagte. Ich stellte sie mir vor wie eine von diesen unheimlichen